Sprung ins Wasser

„Ich habe kein Wort dafür“, sagt der Banker in Christoph Hochhäuslers DIE STADT UNTER DIR, als er seine Affäre mit der Frau eines Untergebenen erklären soll. Das bringt auch den Film wunderbar auf den Punkt, der sich gleich an zwei Unzugänglichkeiten abarbeitet: der Wirtschafts- wie der Lebenskrise. Wie bei allen Filmen, die man unter das Label „Berliner Schule“ packt, braucht es allerdings echte Bereitschaft, sich auf den spröden, intellektuellen Diskurs einzulassen, um einen Fuß in die Geschichte zu bekommen. Einer aus den Chefetagen der Frankfurter Bankentürme (Robert Hunger-Bühler) schiebt einen Analysten nach Jakarta ab, weil er mit dessen Frau Svenja (Nicolette Krebitz) anbandeln will. Das klingt zunächst simpel, erfährt aber schon in der Eröffnungssequenz eine signifikante Aufladung: die spätere Geliebte sieht eine Frau auf der Straße mit dem selben T-Shirt, das sie trägt, und folgt ihr. Doch es geht dabei weniger um ein Doppelgängermotiv als vielmehr um Identitätssplitter, um Bruchstücke aus einem anderen Leben, mit denen man sich etwas fürs eigene Ich schneidern kann. Der Manager lässt sich von seinem Fahrer regelmäßig zu einem Fixer kutschieren, dem er wortlos dabei zusieht, wie er sich die Nadel setzt; seine Vita reichert der Mann bei Bedarf ungerührt mit Elementen aus seiner Umgebung an; auch Svenja erhält eine Bewerbungsmappe mit dem Hinweis zurück, dass fünf oder zehn Prozent erfundener Angaben ja noch angingen, man bei ihr aber nicht einmal sicher sein könne, ob sie wirklich so hieße.

Die omnipräsente Verspiegelung der urbanen Räume benützt Hochhäusler dabei souverän als orchestrierend-kommentierende Ebene, die das in schillernden Brechungen umspielt, was der Film dialogisch oder szenisch nicht auflösen will: die Entdeckung, dass der Boden, auf dem man zu stehen meint, eine mentale Konstruktion ist. Der Titel des Films, aber auch wiederkehrende Bildmotive wie die Fahrt mit dem Aufzug nach oben oder der Blick nach unten, aufs Straßen- und Menschengewirr, signalisieren ein Schweben, das einen je nach Perspektive schwindeln oder frösteln macht. Was den beiden Protagonisten widerfährt, hätte man früher vielleicht als „amour fou“ verstanden; doch im gesellschaftlich-sozialen Vakuum, das beide auf ihre Weise repräsentieren, helfen auch Kinomythen nicht weiter; der orakelhafte Schlusssatz, „Es hat begonnen“, verschränkt die individuelle Ebene nachdrücklich mit der akribisch rekonstruierten Frankfurter Bankerszene zum rätselhaften Spiegel der deutschen Gegenwart. Wenn man den Sprung ins Wasser wagt und sich vom elliptisch-fragmentarischen Gestus des Films nicht abschrecken lässt, gibt es in DIE STADT UNTER DIR viel zu entdecken.

Hochhäuslers markanter Film fügt sich damit sehr pointiert in die Auseinandersetzung des diesjährigen Cannes-Festivals mit der weltweiten Wirtschaftskrise ein. Was beim ihm so überzeugend auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten ist, während Oliver Stone es in WALL STREET: THE MONEY NEVER SLEEPS auf hollywoodsches Mainstream-Entertainment eindampft, erhält in der bildmächtigen, in bestechendem CinemaScope gefilmten Dokumentation INSIDE JOB eine faktenreiche Grundlage. In fünf Kapiteln zeichnet Charles Ferguson detailliert und verständlich nach, was Trillionen Dollar und viele Millionen Arbeitsplätze weltweit vernichtet hat. Beginnend mit den Deregulierungen unter US-Präsident Reagan, skizziert Ferguson die Genese der amerikanischen „Finanzindustrie“, die in den 1980er-Jahren die Spekulation mit Derivaten als das Instrument entdeckte, mit dem sich der eigene Sektor explosionsartig erweitern ließ.

Über die Internet-Blase und den weltweiten Kollaps des Bankensystems in Folge Lehman-Bankrotts landet er schließlich bei der Frage nach den Verantwortlichen und systemischen Zusammenhängen, nämlich der engen Verzahnung von Wall Street und amerikanischer Regierung. Im Ergebnis unterscheidet sich INSIDE JOB kaum von Michael Moores Satire KAPITALISMUS: EINE LIEBESGESCHICHTE, nur dass hier die Polemik durch eine (Über-)Fülle an Fakten ersetzt ist. Auch wenn man nach diesem Crashkurs die Dynamik von Derivaten weiterhin kaum überreißt, versteht man doch, dass sie der Zauberstab sind, mit dem eine winzige Oberschicht sich märchenhafte Gewinne zuschanzt – wobei ihr Hasardeurspiel mit den Fundamenten der globalen Ökonomie im (naheliegenden) Falle des Scheiterns vor allem jene trifft, die nichts haben. Die Zeche zahlen wie immer die Armen – und die nachfolgenden Generationen. Wer verstehen – und auch sehen – will, warum Vergleiche mit der Zeit vor der Französischen Revolution durchaus plausibel sind, ist mit INSIDE JOB gut beraten, dem man trotz seines amerikanischen Fokus dringend eine Auswertung in deutschen Kinos wünscht.

Lediglich kurz notiert: Mike Leighs neuer Film heißt ANOTHER YEAR und deutet damit schon jene Beiläufigkeit an, die den Film prägt. Die Zusammenfassung des Inhalts, „Family and friendship. Love and warmth. Joy and sadness. Hope and despair. Companionship. Lonliness. A birth. A death. Time passes…“, trifft exakt den Ton und die Haltung einer sympathischen, anrührenden, im besten Sinne „weisen“ Geschichte, die in vier Kapiteln analog zu den Jahreszeiten von einem glücklichen Ehepaar und dessen Besuchern erzählt, die weniger gut mit dem Leben klar kommen.

Mahama-Salem Haroun porträtiert in UN HOMME QUI CRIE einen alten Mann, der in seiner Jugend die erste afrikanische Schwimm- meisterschaft gewann und seither als „Champ“ über einen Hotelpool wachte; seinen Sohn hat er als Gehilfen herangezogen. Doch auch im Tschad ist die Globalisierung angekommen: das Hotel wurden von Chinesen übernommen, die rationalisieren und Personal entlassen. Als er durch seinen eigenen Sohn ersetzt werden soll, schickt er ihn zur Armee, die gegen Aufständische kämpft. Ein ruhiges, fast meditatives Drama, so schlicht wie intensiv.

OVER YOUR CITIES GRASS WILL GROWN, zitiert der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer die Bibel, was dem – ebenfalls in großartigem CinemaScope gedrehten und mit kongenialer Musik von Ligeti unterlegten – Dokumentarfilm von Sophie Fiennes den Titel gab, der sich in Barjac im Süden Frankreichs umschaut, wohin Kiefer 1993 ausgewandert ist. Man sieht den Maler bei der Arbeit, im Gespräch mit Klaus Dermutz und im neuen Atelier nahe Paris, wo er jetzt arbeitet. Ein apokalyptischer Film über eine postapokalyptische Kunst, die wohl weniger vor dem Hintergrund des Holocaust als vielmehr in kosmologisch-evolutionären Kontexten gesehen werden muss.

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3 Kommentare zu „Sprung ins Wasser“

  1. wann und wo – ausser in Cannes- ist der Film OVER YOUR CITIES GRASS WILL GROWN zu sehen.

  2. Josef Lederle sagt:

    OVER THE CITIES GRASS WILL GROWN hat meines Wissens noch keinen deutschen Verleih; die Chance, dass der Film ins Kino kommt oder zumindest als DVD vertrieben wird, ist wegen der Bekanntheit von Anselm Kiefer trotzdem hoch.

  3. Gute Nachrichten: Der Kölner Verleih mindjazz bringt Sophies Fiennes spannende Doku OVER YOUR CITIES GRAS WILL GROW am 6. Oktober 2011 ins Kino! Weitere Infos unter http://www.mindjazz.de

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