Venedig – Und Action!

Nicht alle Preis-„Löwen“ von Venedig müssen warten, bis die Jury unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino am Ende des Filmfestivals ihre Entscheidungen trifft. Bereits heute abend wird der „Goldene Löwe“ für ein Lebenswerk vergeben – in diesem Jahr an den Regisseur John Woo. Marco Müller würdigt ihn im Festivalkatalog nicht nur als Ballettmeister des Actionkinos, dessen Inszenierungskunst Filmemacher weltweit beeinflusst hat, sondern auch als großen Kinoerzähler, in dessen Geschichten  sich die moralische Integrität seiner Figuren im Angesicht tragischer Konflikte immer wieder bewähren muss. Woo wird als Brückenbauer gewürdigt, der in seinem Schaffen Einflüsse von Kurosawa über Hitchcock bis zu Jacques Demy aufgegriffen hat, um seinerseits dem Hong-Kong-Kino und generell dem asiatischen Genrekino zu neuer Aufmerksamkeit zu verhelfen. Im Rahmen des Wettbewerbs, aber außer Konkurrenz läuft  „Jianyu“ („Reign of Assassins“) von Su Chao-Pin und John Woo: ein großangelegtes historisches Martial-Arts-Epos , das an viele Stärken von Woo erinnert in der furios-rhythmischen Umsetzung zahlreichen Kampfsequenzen, die stets in eine sorgfältig entwickelte Geschichte um Rache, Intrige und Liebe eingebunden bleiben und nicht zuletzt daraus ihren Verve beziehen, dass es stimmig gestaltete Charaktere, nicht Knallchargen sind, die da auf Leben und Tod gegeneinander antreten. Dabei braucht es nicht viel mehr als eine mythische Mumie eines Kung-Fu-Meisters, eine geheimnisvolle Killergilde und die Sehnsucht nach Macht und übermenschlichen Kräften, um das verhängnisvolle Spiel in Gang zu setzen. Michelle Yeoh glänzt als abtrünnig gewordene Schwertmeisterin, die dem Töten und dem Streben nach Macht entsagt hat, dann aber doch von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Auch wenn die Handlung rund um die Mumie bisweilen ins Lächerliche spielt, hält die Liebes- und Leidensgeschichte dieser Frauenfigur den Film mühelos zusammen.

Mit diesem stimmigen Genrefilm entschädigen Su Chao-Pin und John Woo für den eher enttäuschenden Beitrag, den ihr Regie-Kollege Andrew Lau in Venedig vorstellte. Dessen „Jingwu fengyun – Chen Zhen“ („Legend of the Fist: the Return of Chen Zhen“) konnte Chen Zhens legendäre Figur nur mäßig originell wiederbeleben, trotz des aufwändigen Set-Designs, das das China zwischen den Weltkriegen herauf beschwört. Nach einer umwerfenden Exposition, die im Ersten Weltkrieg spielt und Chen Zhen als Anführer eines kleinen Trupps chinesischer Arbeiter beim (Front-)Dienst der Aliierten einführt, schlägt sich der Film zwar mit viel Getöse, aber allzu blutleer (was Charaktere und Handlung angeht) durch eine banal-patriotische Geschichte um Heldenmut, Verrat und Aufopferung. Während in der Einführung die erzählerische Kraft gerade daher rührt, die fantastischen Kampfkräfte der Hauptfigur innerhalb eines authentisch anmutenden Kriegsszenariosals genrefremd geradezu explodieren zu lassen, unterstreicht später die Künstlichkeit der historischen Kulissen die Sterilität des gesamten Action-Konstrukts.

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