Venedig – Löwinnen

Unter den 23 Wettbewerbsfilmen finden sich lediglich drei Werke weiblicher Regisseure. Athina Rachel Tsangaris „Attenberg“ läuft erst zur Mitte des Festivals doch die beiden anderen Filmemacherinnen (beides US-Amerikanerinnen) waren bereits zu sehen : „Somewhere“ von Sofia Coppola und „Meek’s Cutoff“ von Kelly Reichardt.

Nach „Lost in Translation“ und dem üppig ausgestatteten,  formal aber streng-spröden und zurückgenommenen Historiendrama „Marie Antoinette“ geht Coppola in „Somewhere“ in Sachen Handlungsreduktion noch einen Schritt weiter. Schon die Exposition schaltet gewissermaßen auf Leerlauf: Ein schwarzer Sportwagen zieht sinnlose Kreise durch eine karge, staubige Landschaft – eine treffende Charakterisierung für die Hauptfigur John Marco (Stephen Dorff), der sein Leben seltsam unbeteiligt, wie auf Autopilot, zu führen scheint. Dabei hätte der Mann doch allen Grund, sein Dasein in vollen Zügen auszukosten: Marco ist ein Hollywood-Star; er residiert im berühmt-berüchtigten Hotel Chateau Marmont. Doch die standesgemäß ausschweifenden Vergnügungen lässt er mehr über sich ergehen, als dass er sie genießt; ansonsten absolviert er brav die Termine, die seine Managerin ihm morgens am Telefon ankündigt. Marco ist eine so denkbar farblose Figur, dass man sich zu fragen beginnt, was die Fans seiner Film an diesem unrasierten Typ eigentlich finden. Doch Sofia Coppola schafft wie in “Lost in Translation”, mit einer Mischung aus lakonischem Humor und hartnäckiger Anteilnahme in ruhigen, langen Einstellungen Sympathie für ihre verlorene Hauptfigur zu wecken und dabei nichts weniger als die Sinnfrage neu zu stellen. Gleichzeitig räumt sie auf höchst unterhaltsame Weise mit dem Traum vom Star-Sein auf, das angesichts all der Casting-Shows und Selbstinszenierungen das Non plus Ultra menschlicher Glückserwartung scheint. Effektiver als in „Somewhere“ könnte man Glamour- und Rock’n'Roll-Fantasien kaum aushebeln. Zwar sind alle Ingredienzien da –  Blitzlichtgewitter, schicke Autos, willige Starlets; doch die Inszenierungen weiß ihnen geschickt jeden Glanz zu nehmen und sie in absurden Miniaturen zu verwandeln, wie sie auch in „Lost in Translation“ zu finden waren. Wenn zwei gutgebaute Blondinen eine private Pole-Dance-Nummer in Marcos Hotelsuite wagen, sieht das durch die nüchterne Inszenierung weniger nach Verruchtheit aus, sondern eher so, als würden zwei Sportstudentinnen fürs Examen vorturnen. Das Herzstück des Films ist hingegen die Beziehung zwischen Marco und seiner elfjährigen Tochter (Elle Fanning), die von ihrer Mutter bei ihm abgesetzt wird und eine Weile das Leben ihres Vaters teilt. Coppola spitzt dieses Vater-Tochter-Verhältnis jedoch in keiner Weise zu; sie verzichtet auf große Konflikte und taucht in einen trotz aller “Hollywood”-Umstände letztlich unspektakulären Alltag der beiden ein. Wobei sie ihren verlorenen Helden eine subtil-unaufdringliche Entwicklung durchmachen lässt. Manchem Kritiker war das zu wenig und zu spröde erzählt. Wenn man jedoch die Geduld investiert, sich auf diese stille Entdeckung einzulassen, ist „Somewhere“ einer der schönsten Filme des bisherigen Wettbewerbs.

Auch Kelly Reichardt liefert mit ihrem Western „Meek’s Cutoff“ einen Höhepunkt. Die Handlung erzählt in bester John-Ford-Manier von einem Treck, der unterwegs ist zu den Blue Mountains, geführt von einem Trapper namens Meek. Wenn die Handlung einsetzt, ist das Zutrauen der Gruppe in den Führer allerdings bereits ins Wanken geraten; der Weg ist länger, als er sein sollte. Bald wird das Wasser knapp. Weiß Meek wirklich so gut  Bescheid, wie er behauptet? Oder ist man längst in die Irre gegangen? Als die Siedler einen Indianer aufgreifen, müssen sie sich entscheiden: Sollen sie dem Eingeborenen ihren weiteren Weg anvertrauen? Oder ist ihre Angst vor den Indianern und dem, was sie ihnen antun könnten, größer? Als Zuschauer wird man dabei in die Position eines Mitreisenden versetzt, der an den alltäglichen Hangriffen, den langen Märschen, den abendlichen Beratungen teil hat – und an der wachsenden Angst. Wie Fords Western lebt auch Reichardts Film von der sich verschärfenden Spannung innerhalb der Gruppe (an forderster Front: Michelle Williams, mit der die Regisseurin bereits in „Wendy und Lucy“ gearbeitet hat), andererseits von der Spannung zwischen den Menschen und der Landschaft. Diese wird von Kameramann Chris Blauvelt in wundervollen Bildern eingefangen wird, die immer wieder ins Geisterhafte driften. Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Western zu einem der interessantesten Genre-Felder amerikanischer „auteurs“ geworden ist.

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