Dass Kino auch ohne 3D von der Wirkung der Räume lebt, die es auf der planen Leinwand erstehen lässt, riefen einige Beiträge der letzten Tage in Erinnerung – etwa Tsui Harks Fantasy-Epos Di Renjie zhi Tongtian diguo“ („Detective Dee and the Mystery of Phantom Flame“). Was Geschichte und Figuren angeht, ist der Film zwar nicht besonders originell, glänzt dafür aber mit atemberaubenden Architekturfantasien. Interessanter waren einige Filme, die mit der Textur der Landschaften arbeiten.
Das gilt insbesondere für den nur etwa 75 Minuten langen russischen Wettbewerbsbeitrag „Ovsyanki“ („Silent Souls“) von Aleksei Fedorchenko. Der Film folgt zwei Männern, die eine Frau bestatten wollen – den Ritualen der Merya folgend, eines alten finnischen Stammes, auf den viele Bewohner der zentralrussischen Flusslandschaft, in der der Film spielt, ihre Herkunft zurückführen. In das, was an Erinnerungen an diesen Stamm übrig geblieben ist, führt die Off-Stimme eines der beiden Protagonisten ein, der als Journalist und Fotograf arbeitet, während er seinem Freund dabei hilft, die Totenrituale an dessen Ehefrau vorzubereiten und durchzuführen, von der Totenwaschung bis zur Verbrennung am Flussufer und dem Verstreuen der Asche im Wasser. Ansonsten gibt es nur wenige Dialoge zwischen den Protagonisten; das meiste erzählen die Bilder. Sie dokumentieren die Handgriffe und Verrichtungen der Freunde, die einerseits profan sind, andererseits aber auch etwas Heiliges ausstrahlen durch die Rückbindung an die Merya-Tradition. Und sie versenken in eine Landschaft, die nicht nur der Schauplatz der Handlung ist, sondern diese mitzubestimmen und zu formen scheint. So melancholisch der Film auch ist, in dessen Verlauf sich mittels Rückblenden lakonisch und zart die Geschichte einer unerwiderten Liebe andeutet, strahlt er doch auch einen tiefen Frieden aus.
Ähnlich suggestiv arbeitet auch der neue Film des Altmeister Jerzy Skolimowski mit den Landschaften, in die er seinen Protagonisten im wahrsten Wortsinn hineinwirft.
„Essential Killing“ beginnt mit einem Flug über Felsformationen in der afghanischen Wüste, taucht ab in eine labyrinthische Canyonlandschaft, wo die Hauptfigur, ein einheimischer „Gotteskrieger“ (Vincent Gallo), von US-Militärs aufgegriffen wird. Er wird interniert, verhört, gefoltert und schließlich für weitere Verhöre mit einem Flugzeug an einen anderen Ort transportiert. Irgendwo im Norden – Schnee und Nadelwälder prägen die Landschaft – landet das Flugzeug; der Gefangene wird in einen Van umgeladen, der unterwegs verunglückt. Der Mann kann fliehen – nur wohin? Der Film gibt den Zuschauern keinerlei Informationen, die über die seiner Hauptfigur hinausgehen. Die nächste Stunde entfaltet sich ein grausamer Überlebenskampf in einer eisig schönen, aber mitleidslosen Umwelt, in der die Hauptfigur, die Verfolger mit ihren Hunden und Hubschraubern immer dicht auf den Fersen, um ihr Leben rennt und gegen andere Menschen, aber auch gegen die Kälte und den Hunger kämpfen muss. Der konkrete politische Kontext rückt dabei bald in den Hintergrund, taucht nur als verschwommene Erinnerung im Kopf des Protagonisten auf, während er und der Zuschauer zurückgeworfen werden in einen nackten, von ständiger Todesnagst geprägten Urzustand des Jäger-und-Sammler-Daseins in einer feindlichen Welt. Ähnlich wie letztes Jahr John Hillcoats „The Road“, stellt sich auch hier auf nervenzerrende und ebenso suggestive wie bedrückende Weise die Frage, was das Menschsein eigentlich ausmacht.
Auf großartige Weise setzt auch der Brite Patrick Keiller Landschaften in Szene – in „Robinson in Ruins“ (Orizzonti). Mit Hilfe statischer Bilder und der Erzählerstimme von Vanessa Redgrave entfaltet sich auf den Spuren des fiktiven Dokumentaristen und „Forschers“ Robinson ein Panorama südenglischer Orte und Landschaften mit diversen Kultur- und Industriedenkmälern, das sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich ausdehnt. Vom kleinen Detail, etwa einer Flechte auf einem Straßenschild, bis zu weiten Totalen reiht sich Vedute an Vedute, wobei die Einstellungen jeweils so lange gehalten werden, dass man den Blick darin schweifen lassen kann, während Redgraves Off-Text ein furioses, informativ-poetisches Netz aus wirtschaftlichen, politischen, historischen Fakten vom elisabethanischen Zeitalter bis in die Gegenwart der globalen Finanzkrise webt, das die Bilder mit Bedeutung und die Landschaft als Text lesbar macht. Man könnte dem stundenlang zuhören und zusehen.