Ein Zimmer in einem Motel an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, darin ein Mann, der sein Gesicht mit einem schwarzen Stoff verhüllt, weil er nicht erkannt werden will, und ein Skizzenbuch, in dem er mit Notizen und Zeichnungen die Geschichte illustriert, die er der Kamera erzählt: Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „El Sicario Room 164“ (in der Reihe “Orrizonti”) arbeitet mit sparsamen Mitteln und hinterlässt doch einen extrem starken Eindruck. Der verschleierte Protagonist, der von zwanzig Lebensjahren im Dienst eines Syndikats erzählt, für das er zunächst Drogen geschmuggelt und dann als Killer und Folterer gearbeitet hat, ist ein ebenso beredter wie eitler Cicerone in einer schockierende Parallelwelt des organisierten Verbrechens; sein Bericht erschüttert als Insider-Einblick in die Machtstrukturen der Syndikate, aber auch als ebenso abstoßendes-faszinierendes Psychogramm eines Berufsmörders.
Neben dieser Dokumentation beschäftigten sich auch einige Wettbewerbsfilme mit der „Anatomie des Bösen“. Etwa der chilenische Beitrag „Post Mortem“ von Pablo Larraín, der in die 1970er-Jahre zurück blickt und die Gräueltaten im Zuge des Putschs gegen Präsident Allende thematisiert: Ein Mann, der in der Pathologie eines Krankenhauses arbeitet und die Berichte des Leichenbeschauers aufnimmt, verliebt sich in seine Nachbarin, eine Tänzerin.
Im Zuge des Militärputschs wird das Haus der Angebeteten von der Armee durchsucht und verwüstet. Was mit der Frau passiert ist, kann der Mann zunächst nicht in Erfahrung bringen. Ist sie verhaftet worden oder tot? Unterdessen türmen sich in der Pathologie die Leichen. Trotz interessanter Ansätze und eines fesselnd-geisterhaften Hauptdarstellers findet der Film allerdings keine rechte Balance zwischen seinem politischen Hintergrund und dem Porträt eines still-obsessiven Persönlichkeit; beide Erzählebenen, die politische und die private, fügen sich letztlich nicht zu einem überzeugenden Ganzen.
Weniger ehrgeizig in seinen politischen Implikationen, dafür aber in sich stimmiger ist Michele Placidos Rückblick in die 1970er-Jahre. In „Vallanzasca – Gli angeli del male“ zeichnet er das Porträt eines Bankräubers aus Leidenschaft, der durch eine Reihe verwegener Coups zu einer Art „Public Enemy Nr. 1“ aufsteigt, bis die eskalierende Gewalt allmählich eine Eigendynamik gewinnt, die er nicht mehr im Griff hat. Placido macht daraus einen soliden Genrefilm, der dank eines starken Hauptdarstellers (Kim Rossi Stuart), eines stimmigen Gefühl fürs Zeitkolorit sowie einer Inszenierung, die vor allem die Spannung und Gruppendynamik innerhalb der verbrecherischen Kreise geschickt auszuspielen versteht, gut unterhält.
Einen erschütternden Beitrag über die Abgründe menschlicher Existenz lieferte auch der „Überraschungsfilm“ des Chinesen Wang Bing, ein Filmemachers, der bisher vor allem durch extrem lange Dokumentarfilme auf sich aufmerksam gemacht hat. Sein Spielfilm „The Ditch“
führt zurück ins Jahr 1960 und spielt in einem Arbeitslager in der Wüste Gobi, in dem echte oder angebliche Regime-Gegner „umerzogen“ werden sollen – de facto werden unzählige der Internierten jedoch schlicht durch Hunger und Krankheiten eliminiert. Der Film begleitet die Insassen eines Schlafraums. Eine Hauptfigur gibt es nicht; mit wenigen prägnanten Strichen werden allmählich einzelne Figuren aus der Gruppe herausgehoben. Auf Zuspitzungen – diabolische Wächter oder Lagerleiter, Hinrichtungen etc. – wird gänzlich verzichtet; der Film überlässt sich ganz der schleichenden Hoffnungslosigkeit und Auszehrung, der die Figuren ausgesetzt sind – und macht damit die ganze Perversität des Lagersystems umso deutlicher, das jenseits individueller Grausamkeit als Struktur funktioniert, gegen die sich aufzulehnen umso schwieriger ist.