Venedig – Glory to the filmmaker

Die  Premiere von “Ravaan“, dem neuen Werk des indischen Regisseurs Mani Ratnam, der dieses Jahr mit dem Jaeger-LeCoultre – Glory to the Filmmaker Award für sein Lebenswerk geehrt wird, ist formal etwas Besonderes: Der Film kommt in zwei verschiedenen Sprachversionen zur Aufführung, einmal in Hindi, einmal in Tamil – was bezeichnend ist für die (sprach-)grenz(en)überschreitende Bedeutung des tamilischen Filmemachers Ratnam, der das geschafft hat, neben “Tollywood” auch Bollywood und den gesamten indischen Kino-Markt für sich zu erobern – und darüber hinaus eine internationale Fangemeinde. Im Katalog würdigt Festivalleiter Marco Müller Ratnam als Filmemacher, der das “auteur”-Konzept in den zeitgenössischen Bollywood-Mainstream eingebracht habe. Sein neuer Film “Ravaan” zeigt denn auch einmal mehr seine Handschrift – von den zu den treibenden Rhythmen von A.R. Rahman furios geschnittenen Montagesequenzen bis hin zum politischen Subtext der Geschichte. Diese erinnert in einigen Aspekten an Ratmans Klassiker “Dil se”: Einmal mehr treffen ein Mann und eine Frau zusammen, zwischen denen sich der tiefe Graben eines mit brutaler Gewalt ausgetragenen sozialen Konflikts auftut, und einmal mehr wird die zunächst solide erscheinende Unterscheidung, wer bei diesem Konflikt die Guten und wer die Bösen sind, im Verlauf der Handlung immer schwieriger. Dabei spielt Ratnam meisterlich auf der Klaviatur der Gefühle, die das indische Kino zur Verfügung stellt. Seine Tanzsequenzen sind wahre Augen- und Ohrenweiden, sie lassen die Handlung nicht, wie viele andere Bollywood-Filme, ins Stocken kommen, sondern führen sie zu glanzvollen emotionalen Höhepunkten. Zudem überzeugt “Ravaam” als mitreißender Actionfilm, dessen Kampfszenen bei aller Exaltiertheit unmittelbar-kraftvoll bleiben.

Im Zentrum der Handlung stehen ein Polizeioffizier und seine junge Frau. Dev wird in eine Gegend Südindiens versetzt, in der die Regeln der Hauptstadt Dehli nur bedingt gelten: Mehr Einfluss als die staatlichen Insitutionen hat Beera, ein Gangster, dem die Einheimischen wie einem König folgen. Die Exposition zeigt eine Reihe brutaler Morde, bei denen Polizisten von Beeras Männern förmlich hingerichtet werden. Der Polizis soll Beeras Regime ein Ende setzen, wofür ihm Beera bald auch einen sehr persönlichen Grund liefert, als er dessen junge Frau in den Dschungel verschleppt. Dev macht sich mit seinen Truppen auf, um den Verbrecher zu stellen. Was zunächst wie eine packend inszenierte, aber recht simple Räuber-und-Gendarm-Geschichte aussieht, wird dank geschickt eingeflochtener Rückblenden bald vielschichtiger: Die gefangene Frau erkennt mehr und mehr, dass ihr Entführer, der von den Einheimischen als eine Art Robin Hood verehrt wird, Gründe für sein gewalttätiges hat, von denen sie bisher nichts ahnte; ihr Mann wiederum vertritt die Regeln einer Regierung, die nicht unbedingt für Gerechtigkeit steht. Indem die Erzählperspektive weitgehend auf Seiten der entführten Frau bleibt, die als unschuldiges Opfer in den bewaffneten Kampf gerät, lenkt die Inszenierung die Sympathien einmal mehr auf die Seite  jener, die keine Gewalt anwenden, an die Möglichkeit einer Verständigung glauben und die versuchen, Lösungen jenseits des Tötens zu finden – eine Haltung, die Ratmans Werk umso bemerkenswerter macht.

Kommentieren