Mit „Noi credevamo“ legt Mario Martone den längsten Film des diesjährigen Wettbewerbs vor – 204 Minuten italienische Geschichte. Das erzählerische Grundprinzip ähnelt jenem, das man aus „Die besten Jahre“ von Marco Tullio Giordana oder „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ von Daniele Luchetti kennt: Anhand sich konträr entwickelnder Schicksale und politischer Haltungen dreier Brüder wird diskursiv eine Bruchstelle der italienischen Geschichte aufgearbeitet. Wobei die „Brüder“ in „Noi credevamo“ (übersetzt: „Wir glaubten“) keine leiblichen Brüder sind, sondern “Nenn”-Brüder,
die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen in Sizilien aufwachsen und sich als junge Männer für die Bewegung „Giovine Italia“ begeistern, die die Einheit Italiens anstrebt. Der Film erzählt von der Zeit zwischen den 1830er-Jahren bis zur Einnahme Roms durch italienische Truppen 1870 – wobei nur einer der drei Protagonisten dieses Datum miterlebt, während die beiden anderen im Laufe der mal schwelenden, mal flackernden Konflikte ihr Leben lassen. Martone geht es dabei nicht darum, den „Geburtswehen“ des modernen italienischen Nationalstaats ein Denkmal zu setzen – von den prominenten historischen Gestalten des „Risorgimento“ spielt nur Giuseppe Mazzini eine größere Rolle; Cavour taucht lediglich als Name in Dialogen auf, Garibaldi tritt lediglich als Silhouette vor einem anstehenden Manöver in Erscheinung. Um was es Martone geht, ist weniger der Konflikt der einheitsbegeisterten „jungen“ Italiener mit in- und ausländischen Gegnern als vielmehr der Blick auf die unterschiedlichen Interessen, politischen Vorstellungen und gesellschaftlichen Utopien innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung; die war nämlich keineswegs homogen, sondern umfasste Anhänger der konstitutionellen Monarchie und Feudalherrn, Sozialisten und einfache Arbeiter. Die Geschichte von der „Auferstehung“ der italienischen Nation erscheint aus diesem Blickwinkel mehr und mehr als eine Geschichte der Desillusionierung und vieler schaler Kompromisse. Inszeniert ist der große, prominent besetzte Kostümfilm anfangs eher zäh; die Schauplätze bleiben seltsam leblos-kulissenhaft und die einzelnen Charaktere gewinnen nur allmählich an Profil. Dann allerdings rundet sich der Film zur durchaus sehenswerten und klugen Bestandsaufnahme, die nicht zuletzt auch Fragen an die Gegenwart stellt.
In sich stimmiger ist der neue Film von Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“), „Vénus Noir“, der sich mit dem Schicksal einer anderen historischen Figur des 19. Jahrhunderts, mit Saartjie/Sarah Baartman, auseinandersetzt – und mit der Verschränkung von Rassismus und Sexismus in der Konstruktion des exotischen „Anderen“ während der Kolonialära: Baartman war eine Südafrikanerin, genauer: eine Angehörige des Volkes der Khoi Khoi, die in den 1810-Jahren als „Hottentot Venus“ in London und Paris ausgestellt wurde. Der Film beginnt in einem Anatomie-Hörsaal, in dem ein Professor eine Gipsfigur nach der (toten) Baartman sowie deren in einem Glasgefäß konservierte Genitalien einem wissenschaftlichen Kreis präsentiert, begleitet von Erläuterungen zu den rassi(sti)schen Rückschlüssen, die er aus Baartmans Anatomie zieht und die die Minderwertigkeit ihres Volkes wissenschaftlich zementieren sollen. Von diesem bitteren postmortalen Epilog blickt der Film dann zurück auf den „Aufstieg“ Saartjies zur „Hottentot Venus“. Die Vorstellungen in Szene zu setzen,
in denen Saartjie unter der Regie ihres Impresarios die Wilde mimt und dem schaulustigen Publikum vorgeführt wird – wobei das Interesse dezidiert auf ihrem Körper und vor allem auf ihren Geschlechtsorgangen liegt – gerät zum inszenatorischen Balanceakt, den Kechiche bravourös meistert: Sein Film entwirft letztlich eine quälende Freakshow des kolonialen Europas, kehrt also die Perspektive auf das „Spektakel“ der schwarzen Venus sozusagen um. Ansonsten besticht sein Film vor allem durch seine Zurückhaltung, was die psychologische Ausleuchtung seiner Hauptfigur angeht: Warum Saartjie das perverse Schauspiel mitspielt, lässt sich nur mutmaßen; der Film eigent sich die Figur nicht an – wahrscheinlich die einzig angemessene Art, sich filmisch mit ihrem Schicksal zu befassen.