“La solitudine dei numeri primi” von Saverio Costanzo ist leider eine weitgehend enttäuschende Verfilmung des Romans von Paolo Giordano. Darin geht es um zwei Außenseitern, Alice (Alba Rohrwacher) und Matthia (Luca Marinelli), die sich als Teenager befreunden, weil beide in dem unverarbeiteten Leid, das der jeweils andere mit sich herumträgt, einen Spiegel der eigenen Verwundung erahnen.
Zwar findet der Film in der ersten Hälfte, wenn es vornehmlich um die Teenager-Jahre der beiden geht, noch stimmige Situationen, die ihre Befindlichkeiten nachfühlbar machen, doch es gelingt dem Film nicht, den Zuschauer bei den Zeitsprüngen ins Erwachsenen-Alter mitzunehmen. Trotz massivem Körpereinsatz der Darsteller (die erheblich zu- bzw. abnehmen mussten, um in die Rollen zu passen), schafft es Costanzo nicht, unter die Oberfläche seiner Charaktere zu dringen. Nach seinem sperrigen, sehr dichten Vorgängerfilm “In memoria di me” scheitert Constanzo hier daran, sich nicht genügend vom Roman zu distanzieren, um einen filmisch überzeugenden Ansatz zu finden – was vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass der Romanautor Giordano am Drehbuch mitgewirkt hat.
Wesentlich überzeugender, erfrischender und außergewöhnlicher als dieser allzu prätenziös-schwermütige Film setzt sich “Attenberg” der griechischen Filmemacherin und Videokünstlerin Athina Rachel Tsangari mit einem Trauerprozess auseinander:
Eine 23-Jährige begleitet ihren Vater, einen Architekten, bei dessen Krebstod. In wunderbar poetisch-skurrilen Szenen wird das liebevolle Verhältnis zwischen den beiden sowie der Prozess des Abschiednehmens ausgelotet; gleichzeitig begibt sich das Mädchen mit Hilfe seiner besten Freundin und eines Mannes, den sie während der Arbeit trifft, auf emotional-erotische Entdeckungsreise. Der Film etabliert mit dieser jungen Frau (Ariane Labed), eine hinreißend seltsame, starke und spröde Heldin, eine Art Wolfskind einer desillusionierten Gesellschaft; wobei postindustrielle Ödnis, Zeugnis der gescheiterten Utopien ihres Vaters und seiner Generation, die Schauplätze prägt. Anstatt von Tristess zeugt der Film jedoch von einem trotzigen Aufbruchs- und Spieltrieb und feiert die kreative Kraft, die aus zwischenmenschlichen Beziehungen erwächst.
Trauerarbeit auf die brutale Art leistet ein trauriger Clown in Alex de la Iglesias “Balada triste de trompeta“: Der Sohn eines Clowns, der einst mit der Machete in der Hand gegen die Machtergreifung der Faschisten kämpfte und dafür mit dem Leben bezahlte, verfällt in den 1970er-Jahren dem Charme einer Akrobatin, die allerdings schon mit einem anderen Clown der Truppe liiert ist, auch wenn dieser sie brutal schlägt. Die Annäherungs- und Befreiungsversuche des jungen Mannes, der seine Liebste aus der gewalttätigen Beziehung retten will, schlagen indes bald in wahre Gewaltexzesse um – getreu dem Rat seines Vaters, der ihm einst sagte, dem Schicksal der Trauer könne man nur durch Rache entgehen. Trotz der düster-unheimlichen Albtraumbilder, in die de la Iglesia seine Parabel aufs francistische Spanien fasst, bleiben die Analogien zwischen der Historie und einer doch recht banalen Dreiecks-Eifersuchtsgeschichte allerdings allzu vage, um wirklich zu überzeugen.