Eine DVD wird in ein Notebook eingelegt; auf dem Bildschirm erscheint eine Filmszene: Eine junge Frau sitzt in einem Schlafzimmer auf dem Bett und lackiert ihre Fingernägel.
Die Kamera zoomt immer näher, bis der Notebook-Bildschirm irgendwann die ganze Leinwand ausfüllt. Sobald der Rahmen des Bildschirms aus dem Bildkader der Leinwand verschwunden ist, wird das, was vorher nur ein Pixel-Bild war, zur erzählten Welt, in die man als Zuschauer eintaucht. Um die Bereitschaft, vielleicht auch die Obsession, sich auf Fiktionen einzulassen, geht es im neuen Film von Altmeister Monte Hellman, “Road to Nowhere“. Das erzählerische Grundgerüst dafür bietet eine Art Meta-Neo Noir-Geschichte: Ein junger, angesagter Regisseur will eine True-Crime-Story verfilmen, in deren Mittelpunkt eine schöne junge Frau und ihr älterer Liebhaber, ein Politiker, stehen. In was für krumme Geschäfte die beiden verwickelt sind, bleibt mysteriös, jedoch kommt schließlich ein örtliche Deputy zu Tode und das Paar begeht Selbstmord. Oder? Von der Schauspielerin, die die schöne Tote spielen soll und die dieser erschreckend ähnlich sieht, ist der Filmemacher von Anfang an fasziniert. Er verliebt sich in sie, sie wird zur treibenden Inspiration seiner Arbeit. Doch der Filmstoff um die nie aufgeklärte Affäre entwickelt wie die Besessenheit des Regisseurs für die Frau eine gefährliche Eigendynamik. Hellman arbeitet dabei wie in der Exposition immer wieder mit Fenstern, Bildschirmen und Rahmungen, durch die die Protagonisten hindurchschauen. Signifikant sind etwa die gemeinsamen Blicke des jungen Regisseurs und seiner Geliebten auf den Fernsehbildschirm ihres Hotelzimmers, wo sie sich alte Filme anschauen: Preston Sturges “The Lady Eve”, “El espiritu de la colmena” von Victor Erice und “Das siebente Siegel” von Ingmar Bergman – motivische Spiegelungen rund um die Motive, um die es auch Hellman geht. Sowohl die Liebe zum Filmemachen und die Liebe zum Kino als auch die Liebe als solche werden dabei melancholisch reflektiert als eine Art Träumen mit offenen Augen, ein ebenso schönes wie gefährliches Spiel.
Um eine amour fou geht es auch im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag in Venedig: Tom Tykwer legt mit “Drei” eine ménage a trois vor, die nicht zuletzt durch einen schrägen Sinn für Humor überrascht. Es geht um ein gutsituiertes, in künstlerischen Berufen arbeitendes Paar (Sophie Rois und Sebastian Schippers). Die schon 20 Jahre haltende Beziehung ist nach wie vor liebevoll, jedoch hat sich eine gewisse Langeweile breitgemacht – bis sich die beiden anderweitig verlieben, und zwar in denselben Mann (Devid Striesow). Daraus macht Tykwer allerdings kein Eifersuchtsdrama, sondern eine optimistische “Serenade zu dritt”, in der es um die Balance von Veränderungen und Verbindlichkeit geht.
Striesow mimt dabei eine Art fließende Persönlichkeit – sexuell, aber auch, was seine Interessen und sein Milieu angeht -, die die stockende Beziehung des Paares wieder in Fluß bringt; motivisch wird er mit Stammzellen assoziiert, jenen noch nicht auszudifferenzierten Zellen, die zu jeder Art von Körperzelle werden können. Leider überlastet Tykwer, der den Stoff nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben hat, seine Geschichte allzu sehr mit solchen Verweisen, mit Analogien und Assoziationen; die guten Darsteller tragen jedoch dazu bei, die spürbare Konstruiertheit dieser Versuchsanordnung zu überspielen, sodass der Film durchaus sehenswert bleibt.