Venedig – Nachlese zum Wettbewerb

Die Jury des 67. Filmfestivals Venedig hat ihre Preise vergeben – oder doch vor allem Jury-Präsident Quentin Tarantino? Eine solcher Einwurf mag etwas unfair sein gegenüber den Mitjuroren, dem Drehbuchautor Guillermo Arriaga, der Schauspielerin Ingeborga Dapkunaite, den Regisseuren Arnaud Desplechin, Luca Guadagnino und Gabriele Salvatores sowie dem Komponisten Danny Elfman, die neben Tarantino den diesjährigen Wettbewerb zu bewerten hatten. Doch man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass der beredte Jury-Präsident bei den Entscheidungen mehr als ein gewichtiges Wort mitgesprochen hat. Wirklich ärgerlich ist allerdings nur die doppelten Auszeichnung für den Film des  “spanischen Tarantino” Álex de la Iglesia: Dessen “Balade triste de la trompeta” gleich mit zwei “Silberne Löwen” für die beste Regie und mit dem Drehbuchpreis zu eheren, scheint angesichts dieses ziemlich kruden Films reichlich abwegig. Zwar findet Iglesia gelegentlich surreal-mitreißende Szenen – etwa in der furiosen Exposition -, doch ansonsten wird aus der Idee, das Land während des Franco-Regimes als gewalttätige Clownerie zu entlarven, nur sehr wenig gemacht zugunsten einer ebenso trivialen wie sexistisch-reißerischen Dreiecksgeschichte. Tarantino hätte sich nur an sein eigenes Werk “Inglorious Basterds” erinneren müssen, um zu sehen, wie man es besser macht. Oder, wenn es denn ein gewaltträchtiges Genre sein sollte,  den deutlich stärkeren Film von Miike Takashi, “Jusan-nin no shikaku” (“13 Assassins”), auszuzeichen, einem hinreißenden, geradlinigen Samurai-Film in der Tradition von Kurosawas “Sieben Samurai”.13 Krieger ziehen aus, um in einem Dorf eine tödliche Falle für einen sadistischen Fürsten aufzustellen, damit dieser nicht noch mehr politische Macht gewinnt und noch größere Schandtaten begehen kann. Gerade den Regiepreis hätte man diesem bewundernswert klar und auf den Punkt hin inszenierten Werk alle mal mehr gegönnt als de la Inglesias aus- und vor allem abschweifender Todes-Klamotte. Außerdem erscheint der Umgang mit der Gewalt bei Miike wesentlich reflexiver als in dem spanischen Beitrag: setzt der japanische Regisseur doch nicht allein auf die  Schauwerte des Schlachtenspektakels, sondern problematisiert gleichzeitig die sich verselbständigende Lust daran, was letztendlich zu einen Abgesang auf die Kriegerexistenz und das Ethos der Samurai führt.

Die Auszeichnungen für Sofia CoppolasSomewhere” mit dem “Goldenen Löwen”, für Jerzy SkolimowskisEssential Killing” (Großer Preis der Jury und Darstellerpreis für Vincent Gallo) und für Monte Hellmans Lebenswerk (im Wettbewerb war er mit “Road to Nowhere” vertreten) sind dagegen durchaus nachzuvollziehbar; diese Filme waren Höhepunkte des Wettbewerbs . “Somewhere” arbeitet sich zwar nicht, wie viele andere Filme des Wettbewerbs, an einer expliziten politischen Krise ab, doch ihn aus diesem Grund als substanzlos abzutun,  ist völlig falsch. Hier geht es um eine Sinnkrise, die zwar einen Hollywoodstar (Stephen Dorff) trifft, aber durchaus abstrahierbar ist: Letztendlich geht es um die Leere nach errungenen Erfolgen, und damit die Hinterfragung dessen, was Erfolg und Glück eigentlich bedeuten. Die Hauptfigur, die das erreicht hat, wovon so viele träumen – ein Star zu sein, mit all den dazu gehörigen Annehmlichkeiten – steht im Film wie eine Art “Hans im Glück” da:  Zwar hält er nach treuen Show-Biz-Diensten den sprichwörtlichen Sack Gold in Händen, doch anstatt sich zu freuen, ist er unendlich müde und von seinem Leben  gelangweilt. Er muss erst wieder lernen, jenseits seiner Star-Persona als Mensch zu leben, wobei ihm der Austausch mit seiner 11-jährigen Tochter hilft, die ihm von seine Ex-Frau unversehens anvertraut wird. Das alles erzählt Coppola mit wunderbarer Lakonie – eine durchaus würdige Preisträgerin.

Preiswürdig gewesen wären freilich auch Filme wie der von Kelly Reichardt (“Meek’s Cutoff“), Wang Bing (“The Ditch“), Tran Anh Hung (“Noruwei No Moria“) oder Aleksei Fedorchenko (“Ovsyanki“), denen man den “Goldenen Löwen” doch noch mehr gegönnt hätte als Sofia Coppola – schon allein deswegen, weil “Somewhere” den Weg ins Kino ohnehin schafft, während die anderen das Renommee der Auszeichnung wesentlich nötiger gehabt hätten, um auch jenseits des Festivals ein Publikum zu finden.  Die drei Filme sind repräsentativ für eine Tendenz des Wettbewerbs, für die auch “Somewhere” und “Essential Killing” stehen: Dramaturgisch und inszenatorisch klar und aufs Wesentliche reduziert, mit einen überschaubaren Figurenarsenal und oft angesiedelt in kargen Landschaften, treiben sie ihre Figuren sozusagen aus der Mitte ihrer sozialen Existenz hinaus in Randgebiete, wo sie sich mit den Eckpfeilern ihres Menschseins auseinandersetzen müssen. Widersacher der Protagonisten sind dabei meist keine klassischen Antagonisten, sondern abstraktere Größen: politische und weltanschauliche Systeme, die Natur, der Tod.  Eine Art Film-Existenzialismus, der meist an Kino-Diskurse zurückgekoppelt war, etwa an Genres, aber immer aber auch darüber hinaus verweist. Die pompöseren Beiträge des Wettbewerbs, etwa Tsui Harks Mystery-Historienspektakel oder auch Francois Ozons Komödie “Potiche“, die als filmisches Boulevardtheater vom Erzähltonfall her an “8 Frauen” erinnert (wenn auch nur mit einer Song-Einlage), sich inhaltlich jedoch am Emanzipationsthema verhebt – konnten da nicht mithalten und zeigten umso deutlicher, dass Selbstbeschränkung oft ein Plus an Konzentration und Dichte bedeuten kann. Bei allem Spaß am Spektakel, am lauten Genre-Gewitter und an der Provokation jenseits klassischer Arthouse-Werte, den Venedig gerne auskostet, waren diese Filme so etwas wie das stille Auge im Sturm eines starken Wettbewerbs.

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