Dunkler Kontinent

Nachdem der Wettbewerb mit dem US-amerikanischen Film “Margin Call” einen beeindruckenden Start hingelegt hat, wurde am Samstag der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag präsentiert, Ulrich Köhlers “Schlafkrankheit”. Der Film ähnelt in vielerlei Hinsicht Köhlers “Und Montag kommen die Fenster”, auch wenn der Schauplatz ein ganz anderer ist: Anstatt eines einsamen Hotels im Harz ist es diesmal eine Klinik irgendwo in Kamerun, in der ein deutscher Mediziner seiner Familie und irgendwie auch sich selbst abhanden kommt. Im Mittelpunkt steht der Entwicklungshelfer Ebbo, der ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun betreut. Die erste Filmhälfte erzählt, so scheint es, von einem langsamen, widerwilligen Abschied von Afrika: Ebbo soll demnächst mit seiner Familie, Frau und Teenager-Tochter, nach Deutschland zurückkehren; nun ist er dabei, die Übergabe seines Postens an einen Nachfolger zu regeln. Doch dann kommt es anders; Abschied nimmt Ebbo nicht von dem Ort, sondern von der Familie: Nach einem Bruch – fast wie ein Filmriss – sind einige Jahre vergangen, und Ebbo lebt immer noch in Afrika. Ein junger Pariser Arzt, der für die WHO arbeitet, sucht ihn auf, weil er Ebbos Projekt evaluieren soll, um über dessen Weiterführung zu entscheiden. Für Ebbo könnte das nun endgültig die Brücke zurück nach Europa bedeuten – oder auch nicht.

Ähnlich wie in “Und Montag kommen die Fenster” entfaltet sich diese Erzählung von einem, der aus seinen Bindungen ausbricht, ohne aber richtig irgendwo anders anzukommen, jenseits aller dramaturgischer Spielregeln; sie wirft einen in einen Fluss aus Szenen und Bildern: Jenseits jedes fotogenen Afrika-Exotismus’ wird aus der filmischen Welt ein unwegsamer, unübersichtlicher Raum, ein Ur-Wald, der durchaus schöne Seiten hat, aber sich auch als latent bedrohliches Dickicht um die Figuren rankt. Ähnlich unzugänglich wie die Ärztin in “Und Montag kommen die Fenster”, ist der  deutsche Entwicklungshelfer Ebbo  eine ebenso faszinierende wie rästelhafte Hauptfigur, deren “Auflösungsprozess” weniger auserklärt als durch die besondere Filmsprache fühlbar gemacht wird. Spannend ist in “Schlafkrankheit” dabei nicht zuletzt die Ambivalenz in Ebbos Beziehung  zu Kamerun und seinen Bewohnern: Während er mit dem Habitus kolonialherrlicher Überlegenheit auftritt, verliert er doch mehr und mehr die rationale Kontrolle über sein Verhältnis zu dem fremden Land; er wird nicht zum Afrikaner, hört aber auch auf, sich als Europäer zu fühlen. So spröde Köhler diese Geschichte eines Verlorengehens einmal mehr erzählt, soviel Stoff liefert sie doch zum Nachdenken über die westlichen Fantasmen des “schwarzen Kontinents”.

2 Kommentare zu „Dunkler Kontinent“

  1. Film-Fan sagt:

    Da mir “Und Montag kommen die Fesnter” sehr gut gefallen hat, werde ich mir sicher auch “Schalfkrankheit” ansehen. Ich hab mir schon einige Kritiken durchgelesen und freu mich schon auf den Film.

  2. Martin sagt:

    Köhlers zweiter Film heisst MONTAG KOMMEN DIE FENSTER (ohne ‘und’) — mich irritiert an ihrer Besprechung die Formulierung „keine Dramaturgie” – angesichts dieses symmetrischen, extrem kontrollierten Films, der genau weiss, wann er was erzählen möchte. Die Dramaturgie mag post-klassisch sein, aber sie ist – für meinen Geschmack eher im Übermass – vorhanden.

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