31.8.
Die ersten Euphorie-Ausbrüche gab es bereits um die Mittagszeit des ersten Festival-Tages. Da fuhr George Clooney mit dem Motorboot vor dem Palazzo del Casino vor. Mit seinem Film „The Ides of March“ feiert die 68. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica am Donnerstag in Venedig ihre Eröffnung. Ein gelungener Auftakt für das Festival: Der Film erzählt zwar eine ganz andere Geschichte als “Good Night, and Good Luck”, teilt mit ihm aber viele Meriten: In seinem politischen Anliegen, dem Ausbalancieren eines großen Ensembles, in seinem zärtlich-sorgfältigen Umgang mit den Figuren.
Deren Gesichter werden immer wieder in wunderbar ausgeleuchteten nahen Einstellungen studiert, um an der Textur der Haut, an kleinen Fältchen und mimischen Zeichen jene Konflikte sichtbar zu machen, die eigentlich verborgen bleiben sollen – denn auch hier stehen die Protagonisten im Rampenlicht, geht es um Leute, die mit Images und der Öffentlichkeit hantieren müssen und im Spiel der Interessen mit den Grenzen ihrer Integrität konfrontiert werden. Im Mittelpunkt steht ein ehrgeiziger junger Wahlkampfmanager (Ryan Gosling), der die Kampagne eines von Clooney selbst gespielten Präsidentschaftskandidaten mit Obama-haften Zügen mitgestaltet. Für ihn ist die politische Arbeit eine Herzenssache. Der Versuch der Gegenseite, den jungen Mann ins Team des Gegners zu holen, scheint deshalb von vornherin aussichtslos zu sen. Doch der auf die Ermordung von Julius Cäsar anspielende Titel deutet es an: Loyalitäten und Verlässlichkeiten werden bald untergraben. Ohne sich polemisch über eigensüchtige, macht- und karrierebewusste Akteuere auf der Polit-Bühne auszulassen, liefert Clooney eine ruhig entwickelte, mit furiosen Dialogen glänzende Studie von Menschen, die sich in der Grauzone zwischen Idealen und Interessen, moralischen Ansprüchen und „Machbarkeiten“ verirren.
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Vorschau
Es dürfte in den nächsten zehn Tagen noch viele solcher Szenen mit schreienden Fotografen und Fans wie bei Clooneys Ankunft am Lido geben. An Glamour zieht Venedig dieses Jahr locker mit Cannes gleich. Das hängt auch damit zusammen, dass im Wettbewerb ungewöhnlich viele amerikanische und englische Filme laufen, die ein „Best of“ an (Hollywood-erprobten) Stars an den Lido holen. Dazu gehört Clooneys Regie-Arbeit, in der er neben Ryan Gosling, Marisa Tomei, Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti und Evan Rachel Wood auch persönlich auftritt, ebenso wie David Cronenbergs „A Dangerous Method“ mit Viggo Mortensen, Michael Fassbender und Keira Knightley. In „Shame“, dem zweiten Spielfilm von Steve McQueen (“Hunger”), spielt neben Fassbender auch Carey Mulligan mit. Außerdem: Tomas Alfredsons John-Le Carré-Verfilmung „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ mit Gary Oldman, John Hurt und Colin Firth, „Dark Horse“ von Todd Solondz mit Mia Farrow und Christopher Walken, Abel Ferraras „4:44 Last Day on Earth“ mit Willem Dafoe, „Killer Joe“ von William Friedkin mit Emile Hirsch und Matthew McConaughey sowie Ami Canaan Manns „Texas Killing Fields“ mit „Avatar“-Star Sam Worthington, eines der wenigen Debüts im Wettbeweb.
Dass angesichts dieses Star-Schaulaufens von den Cineasten bislang keine Klage zu hören ist, dass hier die Filmkunst zugunsten des Showbiz verraten würde, sondern unter den Kritikern allenthalben eitel Vorfreude herrscht, liegt daran, dass das Ganze nicht zum Selbstzweck gerinnt: Im Mittelpunkt steht das Interesse an spannenden Arbeiten von Regisseuren, die sich wie beispielsweise McQueen mit vorausgehenden Arbeiten als interessanter Name empfohlen haben oder die sich konsequent rebellisch jenseits des Hollywood-Mainstreams behauptet haben. Festivalleiter Marco Müller, der mit der 68. Mostra (vielleicht) zum letzten Mal das Festival leitet, plädiert mit dieser Programmierung noch einmal für ein Kino, das E und U nicht gegeneinander ausspielt, sondern den Unterhaltungsanspruch mit individuellen künstlerischen Ambitionen und Verwegenheiten versöhnt.
Zusammen mit einer „Wuthering Heights“-Adaption von Andrea Arnold machen die britischen und US-Beiträge fast die Hälfte des gesamten Wettbewerbs aus. Natürlich kommt auch das italienische Kino nicht zu kurz, das derzeit wenig Strahlkraft besitzt, zuhause aber viel Zulauf findet. Gezeigt werden u.a. neue Filme von Cristina Comencini und Emanuele Crialese. Wie immer stark vetreten ist im Wettbewerb das asiatische Kino, u.a. mit Beiträgen von Johnnie To und Sion Sono. Beiträge deutscher Regisseure gibt es zwar nicht, aber immerhin einige deutsche Co-Produktionen, etwa Roman Polanskis „Carnage“ („Der Gott des Gemetzels“), der am Freitag Premiere hat.
Das ist ja wirklich ein hochinteressantes Programm! Viele Filme, auf die man sich freuen kann!
Lg, Thomas Klein