Venedig 3: Dunkler Kontinent

David Cronenbergs „A Dangerous Method“ ist mit einiger Spannung erwartet worden – zum einen, weil Cronenberg mit seinen letzten beiden Filmen „A History of Violence“ und „Eastern Promises“ die Messlatte für sein Schaffen ziemlich hoch gelegt hat, zum anderen, weil über den Start von „A Dangerous Method“ bei einem der A-Festivals schon lange gemunkelt wurde, aber der Film dann weder in Berlin noch in Cannes ins Programm kam, sondern weiter auf sich warten ließ. Venedig präsentiert ihn nun heute Abend im Wettbewerb – und sorgt damit für einen ersten Höhepunkt. Der Film beschreitet zwar als „Period Picture“ um die Beziehung von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sabina Spielrein thematisch völlig andere Pfade als „A History of Violence“ und „Eastern Promises“; trotzdem könnte man die drei Filme eigentlich als Trilogie sehen: In allen spürt Cronenberg den Wurzeln von Gewalt nach und ihrer Rolle als unerwünschtem, aber scheinbar unvermeidbarem Bestandteil der conditio humana. Exzesse physischer Gewalt gibt es in „A Dangerous Method“ anders als in den beiden Vorgängerfilmen aber nicht; geschlagen wird lediglich innerhalb der sich im Lauf des Films anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Dr. Jung und seiner Patientin Sabina Spielrein, allerdings im gegenseitigen Einvernehmen im Rahmen sadomasochistischer Liebesspiele: Für die junge Frau, die später selbst Psychoanalytikerin wird, ist das Erkennen, Eingestehen und schließlich Ausleben ihrer masochistischen Neigung mit Hilfe von Jung ein Akt der Befreiung. Für den Arzt allerdings ist es eine existenzielle Erschütterung, weiß er doch, dass er hier eine Grenze überschreitet, die eigentlich tabu sein sollte – wo ist Verdrängung und Sublimierung des eigenen Begehrens krankhaft, wo sozial notwendig? Zudem wird in „A Dangerous Method“ die Entdeckung des Unbewussten nicht nur als medizinischer Durchbruch gefeiert, sondern immer wieder dezent, aber vielsagend an den Zeitkontext rückgekoppelt – etwa durch Verweise auf die Wagner-Leidenschaft Spielreins und Jungs, durch den Umgang mit sozialen Unterschieden oder aber durch die Thematisierung des Jüdisch-Seins Spielreins und Freuds. Während der Pressekonferenz im Anschluss an das Vorab-Screening des Films, bei dem Cronenberg und seine Darstellerriege mit hymnischem Applaus gefeiert wurden, erläuterte der Filmemacher sein Interesse an dem Stoff: Für ihn sind die Pioniere der Psychoanalyse im Europa des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewissermaßen Propheten dessen, was mit dem Ersten Weltkrieg manifest werden sollte: Dem aufklärerischen Fortschrittsdenken und dem Glauben an die voranschreitende Rationalisierung und Besserung der Menschheit erteilt ihre „Entdeckung des Unbewussten“ eine Absage – wie als Warnung vor dem Aufbrechen aller zivilisatorischen Gewissheiten und Gepflogenheiten mit den beiden Weltkriegen. Mit „A Dangerous Method“ liefert Cronenberg nicht somit nicht nur ein spannungsvolles, von den drei Hauptdarstellern Viggo Mortensen, Michael Fassbender und Keira Knightley hervorragend gespieltes Dreiecks-Drama, sondern indirekt auch eine überaus kluge und vielschichtige Zeit-Diagnose.

Kommentieren