Wie im letzten Jahr „Attenberg“ von Athina Rachel Tsangari, ist auch in diesem Jahr der griechische Wettbewerbsbeitrag in Venedig eine Entdeckung. „Alpis“ („Alpen”) ist die neue Arbeit von Yorgos Lanthimos, der 2009 mit seinem Film „Dogtooth“ mit dem „Un Certain Regard“-Preis in Cannes geehrt wurde und dazu beitrug, die Aufmerksamkeit auf das junge griechische Kino zu lenken. „Alpis“ ähnelt in vielem Tsangaris „Attenberg“: Auch hier ist die Haupt-Protagonistin eine ebenso reizvolle wie sperrige und seltsame Frauenfigur, eine Art skurrile Jeanne d’Arc des existenziellen Krisenmanagements, die sich im Lauf des Films auf eine abenteuerliche Suche nach sich selbst, ihrer Rolle im Leben und nach Beziehungen macht (wobei einmal mehr das Verhältnis zum Vater, mit dem die junge Frau zusammen wohnt, eine Rolle spielt). Allerdings ist der Tonfall des Films, wenn auch ähnlich spielerisch wie in „Attenberg“, einen Tonfall grimmiger und dunkler und ähnelt darin wieder mehr Lanthimos „Dogtooth“. Der Titel bezieht sich auf eine Gruppe, die sich selbst „Alpen“ nennt – wegen der eigenwillig-blödsinnigen These ihres Anführers, die Alpen könnten zwar jeden anderen Berg der Welt ersetzen, seien aber selbst unersetzlich. Ums Ersetzen geht es denn auch der Gruppe/dem Verein/der Firma: Die „Alpen“ bieten Menschen, die gerade einen geliebten Freund oder ein Familienmitglied verloren haben, ihre Dienste als Ersatz für den Toten an; sie statten den Trauernden Besuche ab, bei denen sie in die Rollen der Toten schlüpfen. Der Anführer Mont Blanc kennt bei der Erfüllung dieser Aufgabe keinen Spaß, wenn ein Mitglied der aus vier Leuten bestehenden Truppe nicht macht, was von ihm erwartet wird, setzt es drakonische Strafen. Die Hauptfigur, die beruflich als Krankenschwester und nebenbei als Monte Rosa für die „Alpen“ tätig ist, geht aber trotzdem bald eigene Wege. Offenbar befriedigt sie durch ihre Rollenspiele bald nicht mehr nur die Bedürfnisse der Hinterbliebenen; sondern ihre eigene Sehnsucht danach, für jemanden wichtig zu sein, rückt mehr und mehr ins Zentrum. Was natürlich auf Dauer nicht gutgehen kann.
Wie in seinem vorigen Film oder auch wie Tsangari in „Attenberg“, macht Lanthimos die Krise seines Landes nicht direkt zum Thema, lässt sie aber aufscheinen in der Inszenierung der ziemlich trostlosen, aus gesichtslosen, schäbigen Straßen bestehenden Welt, durch die er seine stark-zerbrechliche Heldin wandern lässt. Zwar erscheint in den Wohnungen, die sie im Laufe ihrer Alpen-Mission aufsucht, immer wieder so etwas wie eine Oase am Horizont, aber letztlich bleibt sie an diesen Orten außen vor. Wie in „Attenberg“ scheint auch hier das Dasein nur möglich zu sein als ein seltsames Improvisationstheater, bei dem man sich und sein Leben aus den unterschiedlichsten Bruchstücken zusammenzubasteln versucht – hier allerdings mit wenig Erfolg. Lanthimos gelingt damit einmal mehr ein ebenso irritierndes wie einnehmendes Generationsporträt.
Und noch eine Notiz zu Glawoggers „Whores’ Glory“, der im Rahmen der Orizzonti läuft und gestern Premiere hatte: Ein schrecklich-schönes Triptychon über Prostitution, das einen erschüttert zurücklässt. Teil 1 spielt in Thailand, Teil 2 in Bangladesh und Teil 3 in Mexiko. Der Film taucht in den einzelnen Kapiteln mit gnadenloser Konsequenz in die Rotlicht-Bezirke ab und sperrt einen genauso in ihnen ein, wie die Frauen mehr oder weniger alternativlos in ihnen eingeschlossen sind. Dabei kommen zwar auch Zuhälter und Kunden zu Wort; der Fokus liegt aber vor allem auf den Prostituierten selbst und dem, was sie zu ihrer Arbeit, zu ihrem Leben, zu ihren Sehnsüchten, ihren religiösen und weltanschaulichen Einstellungen zu sagen haben. Ohne jede Larmoyanz und paternalistisches Mitleids-Getue nimmt der Film am Tag- und Nachtwerk seiner Figuren teil; voyeuristisch wirkt das aber nie, weil Glawogger vehement humanistisch darauf beharrt, seine Figuren nicht auf ihr Gewerbe zu reduzieren, sondern sich in kleinen, aber beeindruckenden Porträts ihren Persönlichkeiten nähert. In den vielen Facetten, die in den Gesprächen aufscheinen, transzendiert Glawoggers Film dabei das Thema Prostitution, auf das er formal fokussiert, und eröffnet aufschlussreiche Einblicke in die Gesellschaften und Denkwelten, innerhalb derer die Prostituierten leben.
[...] des Films ist laut Filmdienst-Blog [...]