Gestern wurden der Presse zwei asiatische Wettbewerbsbeiträge vorgestellt, Ann Huis „ Tao jie“ („A Simple Life“, Hongkong/China) und der neue Film von Sion Sono (nach „Cold Fish“ und „Guilty of Romance“), „Himizu“ (Japan). Damit ist das asiatische Kino äußerst würdig vertreten: beide Filme sind eindringliche, aufwühlende Erlebnisse, die durchaus Chancen auf einen „Goldenen Löwen“ haben.
Regisseurin Ann Hui erzählt ihre Geschichte einer alt gewordenen Hausangestellten so, dass ihre Affinität zum Dokumentarischen nicht zu übersehen ist. Wie ein weiteres „Familienmitglied“ begleitet die Kamera Ah Tao auf dem Weg in den Ruhestand: Jahrzehntelang hat die stille Frau einer Familie gedient; nun versorgt sie einen der erwachsenen Söhne, einen Filmproduzenten, bis sie einen Schlaganfall erleidet und sich nach ihrer Genesung dafür entscheidet, die Arbeit ruhen zu lassen und sich einen Platz in einem Altenheim zu suchen. Ihr „Herr“, den sie mit groß gezogen hat, dankt ihr diese Dienste nun, indem er sich ihrer annimmt und sich finanziell, aber auch durch Besuche und Aufmerksamkeiten um sie kümmert. Ruhig und ohne dramatische Zuspitzung schildert der Film, wie sich durch Ah Taos Schlaganfall ihr eigenes Leben, aber auch das des jungen Mannes, verändert. Das betrifft die Notwendigkeiten, sich auf eine neue Lebenssituation und eine neue Organisation des Alltags einzulassen, es betrifft aber vor allem die Beziehung zwischen Herr und Dienerin: Scheint diese zu Beginn des Films, die Ah Tao bei den letzten Tagen in ihrem Beruf begleiten, ziemlich kühl-funktional, entwickelt sich mit dem Schlaganfall der Dienerin und der daraus resultierenden allmählichen Auflösung der eingespielten sozialen Rollen – nun ist es der junge Mann, der sich um die Frau kümmert – eine zarte, liebevolle Nähe zwischen den beiden: ein Mutter-Sohn-Verhältnis, wie es anscheinend in der Kindheit des Mannes schon einmal bestand, dann aber wohl der gesellschaftlichen Differenz weichen musste. Hui gelingt damit eine ungemein berührende, sensible Hommage an die traditionell in China hoch geschätzte Tugend der kindlichen Dankbarkeit und gleichzeitig deren Aktualisierung, indem sie sie in den Kontext des urbanen Molochs Hongkongs, aufgelöster Familienstrukturen und einer alternden Gesellschaft einordnet: Das Altenheim, in dem Ah Tao unterkommt und in dem ein Großteil des Films spielt, ist ein elegischer Mikrokosmos dieser Gesellschaft und gleichzeitig die Kehrseite zu der glamourösen Welt der Leistungsstarken, Schicken, Erfolgreichen und Kosmopolitischen, in der Ah Taos Herr als Filmproduzent verkehrt (und die Huis Film mit einigen Star-Cameo-Auftritten, z.B. von Tsui Hark, herbeizitiert).
Sion Sonos „Himizu“ stellt zu dieser poetisch-realistischen „Liebesgeschichte“ einen denkbar starken Kontrast da. Sein Film ist zwar ein Realfilm, setzt aber ein populäres Manga um und übernimmt von diesem Überspitzungen vor allem in der Darstellung von Gewalt. Während der Regisseur am Drehbuch des Films arbeitete, gab es am 11. März das verheerende Erdbeben, dem ein Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima folgten, worauf Sion Sono unmittelbar reagierte und seinen Film umschrieb. Das Ergebnis wirkt nicht wie ein Schnellschuss, sondern ist eine zwar irritierende, aber dank der Inszenierungskunst des Regisseurs und zweier herausragender junger Darsteller sehr überzeugende Reflexion zum Überleben nach persönlichen und kollektiven Katastrophen. Der Film spielt in einer vom Tsunami verwüsteten Region und erzählt von einem Teenager, der von seiner Mutter mit Gleichgültigkeit, von seinem Vater mit krasser Grausamkeit behandelt wird und davon träumt, einfach nur ein normales, unauffälliges Leben führen zu können. Von der Mutter schließlich allein gelassen, stürzt der Junge in einen gewalttätigen Strudel, in dem ihm nur eine Mitschülerin, die ihn ebenso aufrichtig wie renitent liebt, und einige seltsam-närrische Tsunami-Überlebende, die sich als Gäste bei ihm einquartiert haben, etwas Beistand leisten. Während der Lehrer in der Schule idealistisch die japanische Zähigkeit preist, trotz schlimmster Niederlagen immer wieder aufstehen zu können, sind die Jugendlichen in ihren Familien mit dem Wegbrechen von jedem Zusammenhalt konfrontiert und erleben eine Bösartigkeit und Rücksichtslosigkeit, anhand derer sich dem Helden schließlich die Sinnfrage stellt, wofür es sich denn eigentlich noch zu leben lohnt. Sonos Diagnose der japanischen Gesellschaft spielt immer wieder ins Surreal-Groteske und erschlägt einen oft förmlich mit der Wucht ihrer Bilder und dem Schmerz, den die jungen Schauspieler eskalieren lassen, findet aber am Ende doch noch zu einem Hoffnungsschmimmer.