Heute Vormittag wurde „Quando la notte“, der neue Film von Cristina Comencini, der Presse vorgestellt – und zu Recht mit Buh-Rufen quittiert. Das Drama um eine junge, mit ihrem zweijährigen Kleinkind überforderte Mutter, die einen Urlaub in den Bergen verbringt und dort in eine seltsame Beziehung zu ihrem schroffen Hauswirt trifft, leidet vor allem an einem offensichtlich sehr schwachen Drehbuch, das nach einem einigermaßen gelungenen Anfang bald in immer dürftiger motivierte Wendungen abdriftet und mit unglaubwürdigen Figurenzeichnungen verärgert. Comencinis Film ist der zweite von drei italienischen Beiträgen, die dieses Jahr um den „Goldenen Löwen“ konkurrieren, und wie er es in den Wettbewerb geschafft hat, ist ein Rätsel.
Ein würdigerer Vertreter des Kinos des Gastgeber-Landes, wenn auch kein Höhepunkt des Wettbewerbs, ist da auf jeden Fall Emanuele Crialeses solides Drama „Terraferma“. Wie darin die Insel Lampedusa stimmungsvoll inszeniert wird als europäische Randregion ein bisschen außerhalb der Zeit, erinnert an Crialeses „Respiro“ („Lampedusa“).
Allerdings wird die kleine Fischer-Gemeinde, in der der Film spielt, diesmal mit einem anderen Problem konfrontiert: Es geht um die illegalen Einwanderer aus Afrika, die immer wieder bei ihrem Versuch, Europa zu erreichen, vor der Insel stranden: Viele ertrinken, andere werden von der Küstenwache aufgegriffen und abgeschoben. Den Einheimischen ist es gesetzlich verboten, den „Illegalen“ zu helfen – ein Verbot, das mit dem traditionellen Fischer-Ethos kollidiert, allen in Seenot befindlichen Menschen beizustehen. Der Film fokussiert auf eine Familie, bestehend aus traditionsverhaftetem Großvater, einer Mutter, die die Insel eigentlich verlassen und ein neues Leben beginnen will, und deren Sohn, der in die Fußstapfen seines toten Vaters treten und Fischer werden will. Als die drei eine schwangere afrikanische „Illegale“ bei sich aufnehmen, kochen die Konflikte, die ohnehin in der Familie schwelen, hoch. Der Film leidet zwar ein wenig darunter, dass die schwarze „Fremde“, die die Werte und den Zusammenhalt der italienischen Familie auf den Prüfstand stellt, als Objekt des Mitleids eine relativ klischeehafte Figur bleibt, die wenig eigenständiges Profil gewinnt; als Drama der süditalienischen Familie, die erlebt, wie ihr traditioneller Lebensstil mehr und mehr mit äußeren Einflüssen kollidiert, und deren Mitglieder in diesem Kontext weitreichende Entscheidungen darüber treffen müssen, wer sie sein und wie sie Leben wollen, ist der Film aber durchaus gelungen – nicht zuletzt auch einmal mehr dank Crialeses suggestiver, poetischer Bildsprache.
Ein ähnliches Thema wie „Terraferma“ berührt auch der neue Film von Altmeister Ermanno Olmi, „Il villaggio di cartone“ (außer Konkurrenz), der gestern Abend seine Premiere feierte. Olmi erzählt darin von einem alten Priester, dessen Kirchengemeinde aufgelöst wird; seine Kirche wird ihres Schmucks, der Bänke, des Altars beraubt und geschlossen. Den alten Mann, eindringlich gespielt von Michael Lonsdale, stürzt das in Verzweiflung – offensichtlich geht es hier nicht nur um einen physischen Ort,
sondern um eine spirituelle Heimat. Doch dann wird seine Kirche des nachts wieder bevölkert: Illegale Einwanderer aus Afrika suchen hier Zuflucht. Und was aus der kahlen, leeren Kirche verschwunden war, kehrt allmählich zurück: Das Gefühl einer Gemeinschaft – mit anderen Menschen, vor allem aber auch mit Gott und Gottes Botschaft, die der Priester nun neu mit Leben füllen kann, indem er sich der Flüchtlinge annimmt. Bemerkenswert, gleichzeitig aber auch dramaturgisch nicht unproblematisch, ist, dass Olmi dabei nicht nur auf den italienischen Geistlichen fokussiert, sondern auch die afrikanischen Flüchtlinge selbst zu unterschiedlichen Persönlichkeiten ausbaut, die auf verschiedene Weise mit ihrer Situation umgehen – womit Olmi im Rahmen des räumlichen Mikrokosmos’ der Kirche, auf den er sich konsequent beschränkt, ein sehr weites Panorama des Themas „Globalisierung“ aufstößt, von der Situation der „Clandestini“, der illegalen Einwanderer, über kulturelle und religiöse Differenzen bis hin zum Terrorismus. So faszinierend das auch ist, kann es doch bei einem Film von nur ca. 90 Minuten Laufzeit nicht ausbleiben, das viele der dabei gestreiften Themen und die Figuren, die sie in den Film einbringen, recht schematisch bleiben.