Venedig 10: Last Day on Earth

Endzeitstimmung herrscht seit den letzten zwei Tagen schon deshalb auf dem Lido, weil sich mittlerweile die Festival-Kinos deutlich geleert haben: Der Abschluss des Festivals rückt näher; die Gäste reisen ab – was für die Übriggebliebenen den Vorteil hat, dass sie nicht mehr mindestens eine halbe Stunde vor Filmbeginn anstehen müssen, um noch einen Platz in den Sälen zu bekommen.

Um Endspiele ging es aber auch in den Wettbewerbsfilmen. Vor allem in Abel Ferraras „4:44 Last Day on Earth“, einem Katastrophenfilm ohne Katastrophenspektakel: Wegen eines dubios bleibenden ökologischen Gaus, der etwas mit der Ozonschicht zu tun hat, lässt sich in diesem Film der Weltuntergang präzise voraussagen, und ein New Yorker Paar muss nun zusehen, wie es die letzten Stunden bis dahin zubringt. Der Zuschauer nimmt an diesem verblüffend unaufgeregten, bis auf einige kurze Verzweiflungsausbrüche irreal friedlichen Abschied teil: Die beiden Liebenden haben Sex, die Frau malt, beide meditieren, skypen mit Familienmitgliedern und Bekannten, dann gibt es einen Streit, als der Mann mit seiner Ex skypt und seine aktuelle Partnerin damit verärgert; wütend verlässt er das gemeinsame Apartment, besucht Freunde und kommt schließlich wieder zu seiner Geliebten zurück, um mit ihr zusammen das Ende abzuwarten: ein Licht, Weißblende, Ende. Diese renitente Untertreibung der Apokalypse, die Einigelung in der Intimität und in den banalen Beziehungsquerelen, ist eine ziemliche Geduldsprobe – macht aber doch irgendwie Sinn: Der in diesem Film zutiefst frustrierende Fatalismus des Paares (und, soweit man es über seine Fernseh- und Computerbildschirme zu sehen bekommt, der aller anderen Menschen) gegenüber der ökologischen Katastrophe, die Konzentration auf die eigene Innerlichkeit und auf die eigenen kleinen Angelegenheiten, ist letztlich nur ein getreues Abbild der Art und Weise, wie wir tatsächlich mit dem Wissen umgehen, dass unsere Lebensweise ökologisch fatale Folgen hat – auch wenn diese Folgen nicht sich nicht so präzise datierbar in die totale Apokalypse münden wie bei Ferrara.

Grausame Endspiele wurden auch in einer Reihe von Genrefilmen, die der Wettbewerb zum Abschluss präsentierte. Z.B. William Friedkins Dramen-Adaption „Killer Joe“ – solide inszeniert, mit Applaus quittiert, letztlich aber ziemlich frauenfeindliches Quatschkino. Oder Johnnie Tos „Life Without Principle“, eine spielerische, unterhaltsame, aber nicht gerade substanzielle Etüde aus drei Handlungssträngen um Menschen, die vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise dringend Geld brauchen. „Texas Killing Fields“ von Ami Canaan Mann schließlich erzählt beruhend auf wahren Ereignissen von Frauenmorden in Texas, denen ein Gespann aus zwei sehr unterschiedlichen Cops auf die Spur kommen muss. Auch dieser Film überzeugt als spannender Krimi; wie die drei anderen Genre-Routine-Arbeiten dürfte er im Wettbewerb um den Goldenen Löwen aber kaum eine ernsthafte Konkurrenz für die thematisch und stilistisch ungleich reichhaltigeren Filme wie Sonos „Himizu“, McQueens „Shame“ oder auch Sokurovs „Faust“ darstellen.

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