Venedig 11: Löwentag

Leicht dürften Darren Aronofsky und seinen Jury-Kollegen die Entscheidungen über die Vergabe der diesjährigen „Löwen“ nicht gefallen sein. Zwar gab es unter den Wettbewerbsbeiträgen auch einige Ausrutscher wie Cristina Comencinis „Quando la notte“, der bei der Pressevorführung für spöttische Heiterkeitsausbrüche gesorgt hatte. Insgesamt aber wurden die hohen Erwartungen, die die Namen der Filmemacher im Vorhinein geweckt hatten, nicht enttäuscht: Die „Mostra“ und ihr Chef Marco Müller (der leider seinen definitiven Rücktitt als Leiter den Filmfestivals bestätigt haben soll) haben den Besuchern einen furiosen Film-Jahrgang beschert. Wie wiegt man nun bei der Preisvergabe einen furiosen Film wie Steve McQueens „Shame“, der verstörend-schockierend-poetisch von Körpern und Freiheit und Verlorenheit erzählt, gegen ein versponnenes, kantig-raues Werk wie Yorgos Lanthimos’ „Alpis“ ab? Und gebührt nicht auch David Cronenberg ein Preis für „A Dangerous Method“, schon weil er so konsequent ist, ausgerechnet bei einem Film über Freud und Jung einmal nicht das Surreal-Untergründige in seine Bilder eindringen zu lassen, sondern die Dreiecksbeziehung zwischen den Pionieren der Psychoanalyse in ruhigen, klaren, oft heiteren Bildern zu erzählen und nur mit Hilfe seiner Darsteller über die Sprache – das Mittel des psychoanalytischen Therapie – das Dunkle, Verdrängte, Unbewusst-Drohende eindringen und die Figuren sich daran abarbeiten zu lassen? „Himizu“ von Sion Sono, in dem zwei Teenager angesichts des totalen gesellschaftlichen Aus nach Fukushima um eine Zukunft oder den Tod ringen, kann man genauso wenig ignorieren wie Ann Huis ungleich stilleren, aber ebenso eindringlichen Film „A Simple Life“. An Werken, die Preise verdient hätten, herrscht dieses Jahr kein Mangel. Nun, die Jury hat sich entschieden, und sie hat sich, zumindest bei der Vergabe des „Goldenen Löwen“, auch gut entschieden: Alexander Sokurovs „Faust“-Adaption hat das Rennen gemacht: eine aufwühlende intellektuelle Walpurgisnacht von einem Film, deren Arbeit mit der Sprache und mit grotesken Bildfantasien in ihrem Reichtum an Gedanken-Spielen zum Zustand des Menschen in der Moderne Goethes prophetischem Drama würdig nacheifert. Weniger nachvollziehbar ist die Vergabe des „Silbernen Löwen“: Er geht an den als „Film sorpresa“, als Überraschungsfilm gezeigten chinesischen Beitrag „Ren Shan Ren Hai“ („People Mountain People Sea“) von Shangjun Cai, eine Rache-Geschichte um einen Mann, der den Mord an seinem Bruder rächen will. Der Film hat zwar unangefochten seine Meriten in der schonungslosen Art und Weise, wie er die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in der chinesischen Provinz darstellt; trotzdem hat er auch beträchtliche erzählerische Schwächen: Der Rache-Plot ist nicht gerade originell, und obendrein werfen einen Logik-Brüche oder schlicht kryptisch bleibende Sequenzen immer wieder aus dem Erzählfluss – und das nicht nur, weil bei der Präsentation des Films beim Festival durch den unglücklichen Umstand, dass zwischendurch ein durchgeschmorter Lautsprecher für Aufregung und eine längere Unterbrechung sorgte, tatsächlich eine unschöne Zäsur gesetzt wurde. Sowohl „Himizu“ als auch „A Simple Life“ wären überzeugendere asiatische Kandidaten für einen Preis gewesen. Immerhin: In Form von Darstellerpreisen wurden auch diese beiden Wettbewerbsbeiträge geehrt. Dass Deanie Yip als beste Hauptdarstellerin für ihre Leistung in „A Simple Life“ geehrt wurde, war angesichts ihrer überragenden Leistung unumgänglich; die Ehrung von Shôta Sometani und Fumi Nikaidô für ihre Tour de Force in „Himizu“ als beste Nachwuchs-Darsteller hätten ihnen allenfalls noch die beiden jungen Hauptdarsteller in Andrea Arnolds „Wuthering Heights“ streitig machen können. Dass für diesen Film wiederum Robbie Ryan für die beste Kamera geehrt werden muss, lag auf der Hand: Wie hier die Kamera die Behäbigkeit des „Period Pictures“ und der Klassiker-Verfilmung in ihr fiebrig-agiles Gegenteil verkehrt, auf Tuchfühlung mit der erzählten Welt geht und einen förmlich den Sturmwind auf der Haut und die Erde unter den Zehen fühlen lässt, ist tatsächlich meisterhaft. Kaum jemand überraschen wird auch der Darsteller-Preis für Michael Fassbender in Steve McQueens „Shame“, zumal sich der Schauspieler zusätzlich mit seiner Darstellung des C.G. Jung in „A Dangerous Method“ gleich doppelt empfehlen und die Bandbreite seiner Kunst vorführen konnte. Erfreulich ist auch, dass Yorgos Lanthimos’ großartiger Film „Alpis“ nicht ungeehrt bleibt: Zwar wurde Lanthimos nicht, wie er es durchaus verdient hätte, für seine Regie prämiert, aber dafür wurde er zusammen mit Efthimis Filippou für das beste Drehbuch ausgezeichnet. In einem Wettbewerb, der zu einem beträchtlichen Teil aus Adaptionen von Dramen/Romanen/Comics bestand, war „Alpis“ einer der wenigen genuinen Film-Stoffe, und ein so herrlich verquerer und gleichzeitig als Diagnose eines gesellschaftlichen Klimas treffender, dass man ihm die Auszeichnung von Herzen gönnt.

Hier ein Überblick über die offiziellen Wettbewerbs-Preise:

Goldener Löwe für den besten Film: „Faust“ von Alexander Sokurov (Russland)

Silberner Löwe für die beste Regie: Shangjun Cai für „Ren Shan Ren Hai“ („People Mountain People Sea“; China/Hong Kong)

Spezial Preis der Jury : „Terraferma“ von Emanuele Crialese (Italien)

Coppa Volpi für den besten Schauspieler: Michael Fassbender für „Shame“ von Steve McQueen (Großbritannien)

Coppa Volpi für die beste Schauspielerin: Deanie Yip für „Tao jie“ („A Simple Life“) von Ann Hui (China/Hong Kong)

Marcello Mastroianni Award für den besten jungen Schauspieler/die beste junge Schauspielerin:

Shôta Sometani und Fumi Nikaidô für „Himizu“ von Sion Sono (Japan)

Osella für die beste Kamera: Robbie Ryan für „Wuthering Heights“ von Andrea Arnold (Großbritannien)

Osella für das beste Drehbuch:

Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou für „Alpis“ („Alps“) von Yorgos Lanthimos (Griechenland)

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