B-Talk: Alpen-Grauen…

Andrea Riseborough

Was für eine Performance! Egal, welche Regularien „Shadow Dancer“ nur „außer Konkurrenz“ in den Wettbewerb gebracht haben: sie sollten angesichts der Leistung von Andrea Riseborough ausgesetzt werden. Ihr und dem furiosen Schluss des Films, der aus einem recht engen, fast kammerspielartigen Thriller ein Epos des Bösen macht, sollten ein Sonderpreis für die „dunkle Seite“ verleihen werden, die hier so feengleich und unschuldig daherkommt – und dadurch noch abgründiger erscheint.

"Keyhole"

Es gibt viel von der „dunkeln Seite“ auf der Berlinale zu bestaunen. Etwa Guy Maddins „Keyhole“. Der kanadische Exzentriker, der seine Filme gerne schwarz/weiß, expressionistisch, stumm und vor allem entgegen den üblichen Erzählkonventionen gestaltet, schickt in seinem neuen „Hirn-Scan“ einen Helden namens Ulysses (!) auf eine abenteuerliche Reise durchs ewigen Zwielicht.

Ohne Chronologie, ohne Anfang und Ende, so, als müsste man die Gedanken des Protagonisten auflesen, die der Regisseur direkt aus dessen Kopf auf die Leinwand geschüttet hat. Der Blick durchs Schlüsselloch ist irritierend und anstrengend – und nicht unbedingt etwas für eine schon ausgelaugte Auffassungsgabe am fünf Tag des Festivalmarathons.

"Die Wand"

Wie eine Befreiung will da zunächst die Sommerfrische, das unbeschwerte Rauschen der Alpenwiesen und der Waldspaziergang jener Frau wirken, die im Zentrum von Julian Roman Pölslers „Die Wand“ steht. Doch es ist ein allzu schnell sich verflüchtigender Wunschgedanke, der für Augenblicke nicht wahrhaben will, wie düster, dunkel und nihilistisch bereits die ersten Sekunden in eine Geschichte führen, die in der apokalyptischen Vorstellung münden, auf ewig in einer Idylle gefangen zu sein. Denn eine unsichtbare, undurchdringliche Wand trennt das Areal vom Rest der anscheinend menschenleeren Welt. Die Frau ist fortan alleine im Jagdhaus oder oben auf der Alm. Nur zwei Katzen, eine trächtige Kuh und ein treuer Hund sind ihre Begleiter.

Die Handlung könnte direkt aus einem Stephen-King-Buch entsprungen sein, stammt aber aus dem gleichnamigen, bereits 1963 erschienenen Roman der Österreicherin Marlen Haushofer. Pölsler hat daraus einen meisterhaften Katalysator für Urängste und Hoffnungen gebaut. Getragen von atemberaubenden Bildern und einer Martina Gedeck, die man eindrücklicher nie gesehen und gehört hat (viele der Aufzeichnungen der Frau vernimmt man als innere Monologe aus dem Off). Es kann keinen dunkleren Film geben…

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