Mit dem Todesurteil ist man bereits das erste Mal gestorben. Wenn man im Namen des Volkes dann in eine jener Zellen überstellt wird, die den zum Tode verurteilten Häftlingen mitunter über Jahre hinweg permanent daran erinnern, dass es jede Stunde soweit sein kann, dann stirbt man ein zweites, ein drittes Mal… Keiner hat das Recht, einen anderen Menschen zu töten – schon gar nicht im Namen irgendeiner Institution. Werner Herzog macht in “Death Row” kein Hehl daraus, dass er zu den Verfechtern einer weltweiten Ächtung der Todesstrafe gehört. Allenfalls im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen könnte er sich eine Ausnahme vorstellen, schränkt der Regisseur ein, als er nach seinem dreistündigen Dokumentarfilm über Menschen, die zum Tode verurteilt sind, die Fragen des Publikums beantwortete. Aber selbst das sei eine sehr, sehr schwierige Sache!
So beginnt auch jedes seiner vier 47-minütigen Filmsegmente mit einer Klarstellung: Eingedenk seines Gaststatus’ in den USA und da er sich als Deutscher eine besondere geschichtliche Verantwortung empfinde, spreche er sich explizit gegen jedes Töten von Menschen aus, ohne dass er deshalb Sympathien für jene hege, deren Taten monströs waren, deren Situation in der Todeszelle aber nicht minder monströs ist. Für seine Interviews hat er sich vier Todeskandidaten ausgewählt.
Herzog skizziert kurz ihren Fall, er lässt Anwälte und Ankläger zu Wort kommen und stellt konzentriert und schnörkellos Fragen nach der Gefühlslage auf dem Weg in den Tod. Drei Männer und eine Frau sind es, mit denen sich Herzog beschäftigt. In einem Fall, bei dem sieben Häftlingen im Dezember 2000 unter spektakulären Umständen aus dem John Connally Gefängnis in Texas ausgebrochen sind, befragt er gleich zwei der berühmt-berüchtigten „Texas Seven“.
Es sind allesamt sympathisch wirkende, mitunter sogar eloquente Todeskandidaten, deren Schuld nicht in allen Fällen zweifelsfrei bewiesen scheint. Fragen nach Schuld und Reue, Sympathie oder Abscheu stellt der Film aber nicht. Herzog bewegt vielmehr die Frage, ob durch die staatlich sanktionierte Entmenschlichung jener, die auf den Tod warten, der Gesellschaft ein Nutzen entsteht. Herzog zumindest kann keinen entdecken.
Auch Volker Schlöndorff stellt sich die Frage nach der Sinnlosigkeit des Sterbens, allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Das besetzte Frankreich im Zweiten Weltkrieg; die Deutschen führen im Nordwesten des Landes ein eher beschauliches Regiment, bis ein deutscher Offizier einem kommunistischen Attentat zum Opfer fällt und Hitler daraufhin die Erschießung von 150 Häftlingen anordnet. Eine groteske Sühne. Unter den potenziellen Todeskandidaten ist auch der 17-jährige Guy Môquet, der wegen eine Lappalie einsitzt.
Es ist eines der wahnwitzigen Ereignisse in einem wahnwitzigen Krieg, das Schlöndorff zum Anlass nimmt, einmal mehr gegen den Wahnwitz in der Welt Stellung zu nehmen. Doch „Das Meer am Morgen“ gerät zu einem Film, der nicht viel mehr erzählt, als dass der Krieg schrecklich ist. Schlechtes Theaterspiel, künstliches Set-Design, eine aseptische Kamera und eine wenig fokussierte Regie führen hier dazu, dass die Tragödie wie ein beiläufiges Ereignis erscheint. Im übertragenen Sinne wird umsonst gestorben. Dabei man muss gar nicht erst an Kubrick und „Wege zum Ruhm“ denken, um daran zu erinnern, wie niederschmetternd und nachhaltig verstörend Filme über absurde Befehle in einem absurden Aggregatzustand namens „Krieg“ in Szenen gesetzt werden können.
Dass der Tod hingegen bisweilen fast schon zwangsläufig „zum guten Ton“ gehört, zeigt „My Brother the Devil“. „Live Fast And Die Young“, steht auch in den englischen Suburbs immer noch an Hauswänden geschmiert. Regisseurin Sally El Hosani erzählt zunächst vom 19-jährigen Rashid und seinem 14-jährigen Bruder Mo. Der jüngere blickt zum älteren Bruder auf, der ein Gangsta-Image pflegt, Drogen vertickt und alles andere, was dazu gehört.
Wer und wann hier einen gewaltsamen Tod stirbt, ist die Frage. Doch Hosaini bricht das Verhängis ein Stück weit auf, zeigt Wege, wie man sich gegen den „Teufel“ wehren und auch in einem Klima gesellschaftlicher und sexueller Deprivation einen Ausweg finden kann. „Stark ist der, der seine Wut beherrscht“, heißt es einmal. Ein Satz, den man auf möglichst viele Häuserwände pinseln sollte! „My Brother the Devil“ ist ein harter, erwachsener Film für Jugendliche, die endlich zu denken anfangen sollten!


