Das friedliche Bild golden wogender Kornfelder täuscht. Wang Quan’ans „White Deer Plain“, ein dreistündiges Historienepos um das Ende des chinesischen Kaiserreichs und die wechselvolle Phase bis zur japanischen Invasion, beginnt mit Einblicken in eine feudale Lebenswelt und führt von da aus stetig abwärts. Fokussiert auf eine Dorfgemeinschaft, zeichnet Wang Quan’an ein Bild des Verfalls – auf moralischer, politischer und familiärer Ebene. Söhne wenden sich von den Vorstellungen ihrer Väter ab, traditionelle Normen werden über den Haufen geworfen, Loyalitäten und gesellschaftliche Ordnungen zerbrechen – doch weit und aussichtsreich bleibt allenfalls die Landschaft; Freiheit für ihre Bewohner scheint keine Option.
So dramatisch der Stoff, so behäbig die Inszenierung. Herunter gerechnet auf ein Melodram um dörfliche Intrigen, Vater-Sohn-Konflikte und Liebeshändel, wird hier Geschichte mehr banalisiert als anschaulich gemacht.
Schwebend und zauberhaft hingegen „Postcards From des Zoo“ (Regie: Edwin). Grob skizziert, geht es um die Geschichte einer jungen Frau, die in einem Zoo in Jakarta aufgewachsen ist und dort lebt – bis eines Tages ein Zauberer in Cowboygestalt auftaucht, dem das Mädchen in die „freie Wildbahn“ der Stadt folgt. Dort schlagen sich die beiden mit Taschenspielertricks durch. Bis der Cowboy plötzlich verschwindet und das Mädchen in einem Massagesalon/Bordell Unterschlupf findet. Mit einer solche Inhaltsangabe ist allerdings noch nicht viel über diesen Film gesagt, der weniger eine handfeste Erzählung als eine magisch-realistische „zoologische Studie“ über das seltsame Treiben von Mensch und Tier ist (zwischen beiden wird hier kaum ein Unterschied gemacht); es geht ums Beobachten und nicht ums Beurteilen und erst recht nicht um die Konstruktion von Sinnzusammenhängen. Dafür begegnet der Film jeder einzelnen Spezies mit großer Zärtlichkeit.
Während in “Postcard From des Zoo” Tiger, Nilpferde, Orang Utans, Elefanten und vor allem eine Giraffe zu gleichwertigen Akteuren werden, setzt der portugiesische Film „Tabu“ von Miguel Gomes auf ein Krokodil: In der bislang skurrilsten Exposition dieses Wettbewerbs streift – in Schwarz-Weiß und von einer an Stummfilmbegleitung erinnernden Klaviermusik unterstützt – ein melancholischer weißer Forscher auf Expedition im Kongo umher, weniger auf der Suche nach etwas, als vielmehr auf der Flucht vor der Trauer um seine verstorbene Frau, die er im strengen viktorianischen Kleid immer noch vor sich sieht.
Schließlich hält der arme Expediteur seinen Kummer nicht mehr aus und wirft sich selbst einem Krokodil zum Fraß vor. Künftig können die kongolesischen Eingeborenen von einem melancholischen Krokodil berichten, das zu Füßen des Geistes einer Frau sitzt. Dem tragikomischen Auftakt folgt – vom Leitmotiv des Krokodils begleitet – ein Film über die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Der Titel nimmt dabei nicht zufällig Bezug auf Friedrich Wilhelm Murnaus gleichnamigen Stummfilm; er liefert eine Art Variation dazu. Auch hier geht es um eine verbotene, tragisch endende Liebe. Auf einem melancholischen, in Lissabon angesiedelten ersten Teil, der ganz von Nostalgie und Entsagung geprägt ist, folgt in Form einer im Kongo der Kolonialzeit spielenden Vorgeschichte die Beschwörung der lustvoll-dramatischen exotistischen Fantasie – allerdings nicht in direkter Form wie bei Murnau, sondern gebrochen als Off-Erzählung: das Paradies hat keinen Ort, sondern ist nur ein Konstrukt.