Archiv für März 2012

Titanic “3D”

Donnerstag, 29. März 2012

Dreharbeiten zu "Titanic"

James Cameron hat in den letzten Jahren nie mit Kritik hinter dem Berg gehalten, wenn es darum ging, „seine Errungenschaft“, nämlich das richtige 3D, von all jenen Mogelpackungen abzugrenzen, die nach „Avatar“ in die Kinos gelangten. „I maintain you can’t do a good conversion (2D to 3D) of a two-hour movie with high quality in a few weeks like they tried to do with ,Clash of the Titans’“, hatte er noch im November 2010 gewettert und auch gegen Tim Burtons „Alice im Wunderland“ Front gemacht, den er als unmöglichen „3D“-Film geiselte.

Allerdings lässt ein kluger Geschäftsmann sich immer eine Hintertür für eigene Marketingstrategien offen: „My personal philosophy is that post conversion should be used for one thing and one thing only – which is to take library titles that are favorites that are proven, and convert them into 3D – whether it’s ,Jaws‘ or ,ET‘ or ,Indiana Jones‘, ,Close Encounters‘ … or ,Titanic‘.“Gesagt, getan! Doch Cameron hat sich viel Zeit gelassen, um seine nach „Avatar“ zweiterfolgreichste Produktion um eine weitere Dimension zu ergänzen. 60 Wochen Postproduktion waren nötig, um „Titanic“ in 4K zu digitalisieren und sorgfältig in 3D zu konvertieren, was knapp 20 Millionen Dollar verschlang. Deshalb soll nun, 100 Jahre nachdem das echte Schiff in den Fluten des Atlantiks versank, das Melodram noch ein Stück „authentischer“, „realistischer“ oder „greifbarer“ in die Kinos kommen (der Film läuft ab 5.4. in ausgewählten Kinos).

Doch die Marketing-Versprechungen trügen! Cameron und seine Computercrew haben sich zwar selbst übertroffen und den 15 Jahre alten Film stereoskopischer aussehen lassen als „Alice im Wunderland“ oder „Kampf der Titanen“. Immer wenn es galt, räumliche Tiefe zwischen Schiffsplanken, Holzvertäfelungen und das opulente Dekor der verschwenderischen Ausstattung zu bekommen, gelingt das Unterfangen. Doch auch Camerons nachgemachtes 3D hat seine Schwächen. Es passieren Flüchtigkeitsfehler, etwa bei dreidimensionalen Handkamera-Aufnahmen der Bergungsmannschaft; schwer wiegt, dass immer dann, wenn Figuren „amerikanisch“ oder „halbnah“ ins Bild rückt sind, diese wie leicht gekrümmte Papierfiguren wirken. „Titanic 3D“ ist vom „authentischen Bild“ genauso weit entfernt wie „Titanic“ in 2D; vielleicht sogar noch weiter, denn durch seine „Umformung“ im Computer ist der „Realfilm“ dem „Animationsfilm“ ein ganzes Stück näher gerückt. Das kann man als neue „Kunst“-Form mögen oder auch nicht. Fakt ist jedenfalls, dass auch ein James Cameron aus 2D nur „3D“ machen kann. Das dürfte Tim Burton beruhigen!

Der Trailer zum Kinotipp der Woche (22.3.2012)

Donnerstag, 22. März 2012

Psycho(sen)thriller oder Endzeit-Katastrophenfilm? Unser Kinotipp der Woche ist Jeff Nichols’ nervenzerrender, doppelbödiger Film “Take Shelter – Ein Sturm zieht auf”. Der Trailer und die hymnischen Urteile, die als Zwischentitel eingeblendet sind, versprechen durchaus nicht zu viel. Zuzufügen wäre noch, dass “Take Shelter” ein Film ist, der wie kaum ein zweiter das nicht nur in Hollywood brodelnde Klima von Existenzangst und Verunsicherung aufgreift.

Dazu unser Autor Franz Everschor: “Es sei das allgegenwärtige Thema der Angst gewesen, sagt Nichols, das ihn zu dem Film getrieben habe. Die Existenzangst habe geradezu in der Luft gelegen, erinnert er sich, und sie liegt heute noch in der Luft, wo der Film nun auch die deutschen Kinos erreicht. Schon mit seinem Erstlingsfilm ‘Shotgun Stories” hatte Nichols ein sicheres Gespür für soziale Verhältnisse bewiesen und die Story von zwei befehdeten Geschwisterpaaren in präzise Momentaufnahmen einer mittelamerikanischen Kleinstadt eingebettet. In ‘Take Shelter’ nimmt er die Beschreibung des für wirtschaftliche Notlagen besonders anfälligen Lebens auf dem Land wieder auf. Es bedarf nicht vieler Hinweise, um klar zu machen, wie die Menschen dort von heute auf morgen den Halt verlieren können, wenn sich etwas an ihrem Sozialsystem oder ihren gewohnten Lebensbedingungen ändert. Mehr noch ist es die Angst vor dem, was sich ereignen könnte, die ihre tägliche Arbeit, ihre Familien, ihr eigenes Ich aus den Fugen reißt, die Angst, die sich einnistet, über die man nicht spricht, die sich aber langsam ausbreitet wie ein Krebs.” (der komplette Artikel findet sich im aktuellen fd 6/2012).

Außerdem beachte man das meisterliche Spiel von Michael Shannon – der hoffentlich mit “Take Shelter” seinen großen Durchbruch hat (ein Porträt des Schauspielers findet sich in fd 7/2012).

Der Trailer zum Kinotipp der Woche

Donnerstag, 15. März 2012

Unser Kinotipp der Woche ist der herrlich schräge norwegische Kinderfilm „The The Liverpool Goalie oder: Wie man die Schulzeit überlebt!” von Arild Andresen. Die Geschichte klingt ziemlich vertraut: Der gebeutelte Außenseiter, der eine Niete im Sport ist und von den Bullys der Schule schikaniert wird, ringt um Anerkennung und um die Aufmerksamkeit der Schulschönheit. Den Pfiff beim “Liverpool Goalie” macht allerdings aus, wie das Ganze erzählt ist – und der Trailer demonstriert das anschaulich:

Film-Dienst-Audiorätsel

Dienstag, 13. März 2012

Nach welchem Film klingt das??? Künftig jeden Monat: Das Film-Dienst-Audiofilmrätsel. Wir posten jeweils einen Clip aus einem Kinofilm, der im letzten Monat gestartet ist. Wer den Film erkennt, kann die Antwort schicken an socialmedia@film-dienst.de. Und natürlich tolle Preise gewinnen: Unter allen Teilnehmern mit der richtigen Antwort verlosen wir zwei Film-Dienst Schnupperabos sowie DVDs, Bücher und Soundtracks. Diesmal im Jackpot: Der Soundtrack des Bollywood-Hits “Om Shanti Om”. Teilnahmeschluss ist der 20. März 2012.

Audiorätsel_Film-Dienst_Folge1 by Film-Dienst

Todd Haynes’ “Mildred Pierce”

Montag, 5. März 2012

Gestern startete auf  dem Bezahlsender TNT die Ausstrahlung einer Fernsehserie von Regisseur Todd Haynes, die bereits letztes Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig Aufsehen erregte: Eine Adaption von “Mildred Pierce”. Hier die Kurzkritik unseres Autors Michael Kohler:

Kate Winslet (r.) und Evan Rachel Wood

Seit dem 4.3. strahlte der deutsche Ableger der US-Senders TNT eine jener Serien aus, mit denen das Fernsehen dem Kino seit Jahren erfolgreich die Schau stiehlt. Im Fall von „Mildred Pierce“ nehmen es Independent-Regisseur Todd Haynes und Hauptdarstellerin Kate Winslet sogar mit einem Hollywood-Klassiker auf: James M. Cains Romanvorlage wurde 1945 von Michael Curtiz mit Joan Crawford in der Titelrolle verfilmt und später als Fallbeispiel der feministischen Filmtheorie berühmt. Cains Roman handelt von einer Frau, die sich in der amerikanischen Depressionszeit selbstständig macht, durch harte Arbeit reich wird und erfolglos alles daran setzt, die Liebe ihrer ebenso hochnäsigen wie kaltherzigen Tochter zu gewinnen. Bei Curtiz musste die verhältnismäßig lockere Ehemoral der Titelheldin noch durch eine kriminalistische Rahmenhandlung „entschuldigt“ werden; Haynes braucht derartige Rücksichten auf die Zensur nicht mehr zu nehmen und kehrt außerdem im Gegensatz zu Curtiz in die von Cain eindringlich geschilderte Zeit der Depression zurück.

Für den Regisseur, der in „I’m Not There“ die Verfremdungseffekte geradezu auf die Leinwand regnen lässt, ist „Mildred Pierce“ erstaunlich geradlinig und schwelgerisch inszeniert. Der längere Atem der fünfteiligen Miniserie macht sich vor allem bei der Ausarbeitung der Nebenfiguren angenehm bemerkbar. Bei Curtiz fallen diese meist mit der Tür ins Haus, was durchaus seinen Reiz hat, bei Haynes können wir hingegen langsam mit ihnen warm werden. Nach den brillanten ersten beiden Folgen zeigen sich dann allerdings die finanziellen Grenzen der vom US-Bezahlsender HBO kurzfristig ins Programm genommenen Produktion: Vieles, was anfangs detailliert ausgespielt wurde, wird nun gerafft, und manches wirkt geradezu überstürzt. Zudem setzt Haynes zu einer etwas halbherzigen Ehrenrettung von Mildreds „teuflischer“ und bei Curtiz zur Mörderin stilisierten Tochter an. Dem Finale des Romans raubt er damit die melodramatische Wucht, ohne sie durch etwas Gleichwertiges zu ersetzen. Michael Kohler