Cannes (8): Angel’s Share

"The Angel's Share"

Auf Filmfestivals könnte man sich (fast) wie im Paradies fühlen: Man lacht über Ken Loachs Ausflug in Whiskey-Destillen („The Angel’s Share“), rekapituliert mit Alain Resnais die frühen Werke Jean Anouilhs („You Ain’t Seen Nothin‘ Yet!“), schlürft starken „café“ und überlässt sich zur Not im Dunkel des Kinos auch einmal dem (Minunten-)Schlaf.

Schade nur, dass die Welt, von der die meisten Filme erzählen, so gar nichts Paradiesisches an sich hat: In Sarajevo gärt auch 16 Jahre nach dem Krieg der Ausnahmezustand („Djeca“ von Aida Begic), „America isn’t a country. It’s a Business“, presst Brad Pitt mit gefährlichem Timbre durch die Zähle („Killing them softly“); in „After Lucia“ (von Michel Franco) will die Trauer um die tote Frau nicht enden, was den Lebenden den Atmen raubt.

Vielleicht verdankt sich der Umstand, dass der einzig verbliebene Klassenkämpfer unter den europäischen Regisseuren in den letzten Jahren spürbar milder, wenngleich nicht weniger entschieden geworden ist, ja auch einer Art Verwandlung; der Titel von Loachs jüngstem Films (seine elfte Wettbewerbsteilnahme!) bezieht sich jedenfalls auf die zwei Prozent Whiskey, die Jahr für Jahr aus den Eichenfässern vaporisieren.

„Spirit for the spirits“, nennt das der dicke Sozialarbeiter, der vier junge Straffällige aus Glasgow betreut, die zu gemeinnützige Arbeit verdonnert wurde. Er ist eine dieser typischen Loach’schen Nebenfiguren, in denen das Credo des britischen Filmemachers spiegelt: Solidarisch sein, anderen eine Chance geben, weil man selbst Gutes erfahren hat.

Die Hauptfigur, ein schmächtiger Hitzkopf mit einer hässlichen Narbe im Gesicht, weiß dies zu nutzen. Er, der mit der Tochter seiner Todfeinde ein Kind erwartet, entdeckt, dass er eine feine Nase für Brandwein hat und heckt einen verwegenen Plan aus, wie ein einziges Fass Single Malt die Tür in eine bessere Welt öffnet. „The Angel’s Share“ zerfällt zwar in zwei Hälfte (die Schilderung der Protagonisten plus den Clou), ist in seiner erfrischenden, zupackenden Art aber so humorvoll und witzig, dass er in Cannes als Komödie hoch willkommen war.

"You ain't see nothing yet!"

Viel Applaus und Respekt auch für Alan Resnais und „You Ain’t Seen Nothin‘ Yet!“, der mit dem entfesselten „Wild Grass“ allerdings nichts mehr gemein hat, sondern eher an „Smoking/No smoking“ anschließt. Ein Theaterregisseur ist gestorben und beordert ein Dutzend Darsteller zur Testamentseröffnung. Dort sehen sie eine filmische Inszenierung des Euridyke-Stoffes, der sie über die Jahr(zehnt)e mit dem Toten verbunden hat. Das Screening wechselt mit Spielszenen der Trauernden, die den Erzählfaden aufgreifen und weiterspinnen. Ein experimentelle Versuchanordnung für und über Darsteller, die von Resnais’ Stammschauspielern mit große Spielfreude und Lust aufgegriffen wird.

Killing them softly“: Knall Sie aus der Ferne ab! Der von Brad Pitt souverän verkörperte Mafia-Killer will sich das Gewinsel seiner Opfer nicht anzuhören, weshalb er kurzen Prozess macht. Der Plot des Hard-boiled-Krimis (nach dem Roman „Cogan’s Trad“ aus dem Jahre 1974) führt ihn nach Louisiana, wo der für die Mafia die Ordnung wiederherstellen soll. Eine Pokerhalle wurde ausgeraubt, der Verdacht auf ihren Betreiber gelenkt. Doch die Dinge bleiben nicht geheim; das Spannungspotenzial angesichts ausufernder Dialoge gegen Null.

Dafür missen sich Reden von Bush und Obama aus dem Wahlkampfjahr 2008 als eigentliche Kontrastfolie in den Film, in denen viel vom amerikanischen Traum und den Werten die Rede ist, die das Land groß gemacht haben. Bullshit, sagt der Film und sein Regisseur Andrew Dominik, die im ungeschminkten Gangster-Talk eine radikal entmythologisierte Sicht der Dinge zeichnen. Was zählt, ist nur das Business, nackte Zahlen, Risikokalkulationen, Cash. Die Bilder des vom Wirbelsturm Katharina gezeichneten Landes sind der gallige Kommentar dazu.

"After Lucia"

Eine Entdeckung ist Michel Franco aus Mexiko, dessen zweiter Film „After Lucia“ von den desaströsen Folgen unbewältigter Trauer handelt. Um den Erinnerungen an die bei einem Autounfall getötete Frau zu entkommen, ziehen Vater und Tochter nach Mexiko Stadt. Dort lässt der Mann das Auto zwar reparieren, doch als er es abholt, bleibt er an einer Ampel stehen und läuft zu Fuß davon. Das ist in stillen, langen Einstellungen erzählt, die sich umso nachhaltiger ins Gedächntis brennen, als mit verbalen Informationen gegeizt wird. Im Zentrum dieser auf pure, konzentrierte Bilder reduzierten Geschichte steht allerdings die Tochter. Sie wird an der neuen Schule zum Opfer ihrer Klassenkameraden, deren Sadismus keine Grenzen kennt. Erwachsene tauchen in der materiell begüterten Welt nur am Rande auf; die Teenagerin ist ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert; auch mit ihrem Vater kann sich darüber nicht sprechen. Sie wird erniedrigt, gepiesackt, geschlagen und vergewaltigt, ohne sich zu wehren. Der Film nennt keine Gründe für ihr Verhalten, lässt aber auch die Deutung einer Art Sühne für das Schicksal ihrer Mutter zu.

"Djeca"

Absolut konträr, aber nicht weniger herausfordernd ist „Djeca (Children of Sarajevo)“ von Aida Begic („Snow“), die 16 Jahren nach dem Bürgerkrieg in Bosnien eine erschütternde Bilanz zieht. Die alte Ordnung wurde vom Krieg hinweggefegt, eine neue ist nicht in Sicht; dafür blühen Willkür, Korruption, ethnische Rivalitäten, Armut und (seelische) Verelendung. Protagonistin ist die 23-jährige Köchin Rahima, die zusammen mit ihrem minderjährigen Bruder Nedim ums Überleben kämpft. Obwohl intelligent, witzig und um keine Antwort verlegen, bleibt der energische Muslimin, die ihre Haare unter einem Schleier verborgen hat, am Ende nichts anderes übrig, als die Ehefrau eines Nachbarn zu werden; zu massiv sind die Bedrohungen, die sich um sie zusammen ziehen.

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