Cannes (9): Unterwegs

“Holy Motors”

Ein gutes Festivaljahr wird das nicht mehr! Es fehlen die sperrigen Filme, die Kontroverse beflügeln, die verstören oder so schlichtweg so in den Kinosessel bannen, dass man nicht mehr zu atmen wagt. Zwei Solitäre des Weltkinos setzten zwar Akzente, Leos Carax mit „Holy Motors“ und Carlos Reygadas in „Post tenebras lux“, doch auch das ändert nichts an der Drift. Dem 65. Festival du Cannes geht es ähnlich wie Walter Salles „On the Route“: Es verliert sich in der Etappe.

Wer erinnert sich noch an Leos Carax? Den begnadeten Franzosen, der von „Boy meets Girl“ (1984) an als Ausnahmeerscheinung gilt? Aber jedes Mal bald ein Jahrzehnt braucht, um seine radikalen Visionen auf die Leinwand zu bringen? „Holy Motors“ fällt in diese Kategorie. Der Film ist ein spektakuläres Experiment, das die Geduld des Publikums auf eine harte Probe stellt. Denn erst gegen Ende lässt sich erkennen, dass die scheinbar willkürliche Folge von elf dunklen Episoden sehr wohl zusammenhängen. Sie kreisen alle um einen Darsteller, den großartigen Denis Lavant, der in dieser Noir-Fantasie als Monsieur Oscar von einer Haut in die nächste schlüpft: er ist Banker, Bettlerin, Motion-Capture-Akkrobat, Monsieur Merde, Vater, Akkordeonspieler, Killer, Opfer, Sterbender und der Mann, der nach Hause kommt. Ein darstellerisches Stakkato von beängstigender Präsenz, ein Tour de Force in zunehmende Düsternis.

Narrativer Bogen ist eine Fahrt in einer weißen Strechlimo, mit der Oscar durch Paris kutschiert wird und die ihm als eine Art Gardarobe dient, in der sich für seinen jeweils nächsten „Auftritt“ herrichtet. Wer in bestellt, die Rollen schreibt oder die Fäden zieht, wird nicht enthüllt; es ist eine fraglose Mechanik, die abschnurrt wie das Leben; gestern, heute, morgen. Gerahmt wird der Film durch eine Ouvertüre und ein Schlussbalett, einen Bremslichtertanz betagter Limousinen; zu Beginn sieht man Leos Carax höchstpersönlich auf der Leinwand, wie er in einer kafkaesken Situation auf eine verborgene Tür in seinem Schlafzimmer stößt und in ein altes Kino voller stummer Menschen gelangt.  Die sitzen allerdings starr und ohne Augen im Saal, auf dessen Leinwand sich dann ein Bullauge in die Welt des Monsieur Oscar öffnet.

Das Folgende als Carax’ Alpträume zu deuten, wäre ein billiger Kurzschluss, auch wenn der Protagonist nahezu unverschlüsselt als Alter Ego des Regisseurs zu erkennen ist. In den höchst unterschiedliche Episoden, die von Carax’ ungebrochener visueller Kraft und Energie zehren, kann man vielmehr hypnotisch-groteske Versuche über das Menschsein erkennen, die – immer deutlich als Reflexionen des Kinos ausgestellt – verschiedene Existenzentwürfe durchspielen, häufig an der Grenze zu Verfall und Tod, wobei der Wunsch, ewig zu leben, in der letzte Episode wunderbar ironisch auf die Pointe hinaus läuft, dass an die Evolution bei frühen Primaten in Gestalt von Affen stehen geblieben wäre.

Holy Motors“ ist ein hochenergetischer Film voller verrückter Einfälle, eine intellektuelle Kinofantasie aus dem Unterbewusstsein, wie geschaffen für Cannes. Ein Highlight des Wettbewerbs – das kontroverse Aufnahme fand.

“Post Tenebras Lux”

Mit deutlichen Abstrichen gilt das auch für „Post tenebras lux“ von Carlos Reygadas. Allerdings präsentiert sich der bildmächtige Mexikaner diesmal im 4:3-Format mit digital verfremdeter Fisch-Eye-Optik, die sein an der Oberfläche leichter zugängliches Erzählpuzzle zugleich zentriert wie minimiert.

Ebenfalls fragmentarisch erzählt, handelt der Film vom Leben einer aus der Großstadt stammenden Familie auf dem mexikanischen Land; inmitten einer dampfenden, dicht bewaldeten Fauna hat ein Architekt ein alternatives Haus gebaut, wo er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern wohnt. Es gibt mehrere Zeitebenen, die kommentarlos ineinander gewoben sind; eine beträchtliche Zahl ländlicher Nebenfiguren, und viele, viele Konflikte, die durch ein Netz loser verknüpfter, diskontinuierlicher Szenen zusammenhängen.

Am Ende reißt sich ein Mann den Kopf vom Leib, was den Film hart an den Rand des Entgleisens bringt; der feuerrote Teufel, der eingangs durch das Haus der Familie stapfte, hatte allerdings schon angezeigt, was den im Film im Zentrum bewegt: die Dämonen und Geister, die nicht zu überwinden sind: Wut, Machismos, Süchte aller Art, das Klassensystem, Neid, Missgunst, Genderfragen. Trotz seine rhizomischen Sturktur ist der Film hoch konzentriert und voller Intensität, die sich auf den Betrachter überträgt.

“On the road

Walter Salles verliert sich hingegen in „On the Road“, auf den Fahrten und Reise quer durch Amerika. Der Film handelt von Erlebnissen Jack Kerouacs, wie sie nur leicht verschlüsselt Eingang in die gleichnamige Beatnik-Bibel gefunden haben. Das Drehbuch folgt den Reisen kreuz und quer durch den Kontinent zwischen 1947 und 1951, die Sal (Kerouca) im Schlepptau von Dean Morarity (Nick Cassadey) und dessen Ehefrauen unternahm.

Dabei geht es weniger um den Aufbruch einer Generation, auch nur am Rande um die Umwälzungen innerhalb der New Yorker Subkultur, sondern auf den Spuren eines BioPics um eine fast bürgerliche Problemlage: der charismatische Dean inspiriert die Menschen in seiner Umwelt, kreist dabei aber nur um den eigenen Bauchnabel – und lässt am Ende den schwer erkrankten Sal einfach in einem Nest in Mexiko zurück.

Was Salles Road Movie nicht vermittelt, ist die Essenz des Buches: das Dokument einer sich selbst verzehrenden Augenblicklichkeit, „burn, burn, burn like roman candles“, die den Aufbruch der Jugend aus den Verhältnissen der Nachkriegszeit einläutete.

1 Kommentar zu „Cannes (9): Unterwegs“

  1. silver price sagt:

    The same could be said of Mexico’s Carlos Reygadas, whose new film Post Tenebras Lux was a head-scratcher even by his uncompromising standards. With a title that roughly translates as After Darkness, Light, Reygadas seems to be taking his cue from the sylvan spirits of Uncle Boonmee, in his film that is reported to be partially autobiographical.

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