Das Festival nähert sich dem Ende, was man auch daran erkennen kann, dass die Palmen-Spekulationen überhand nehmen. Obwohl noch ein paar wichtige Filme ausstehen, unter anderem Cronenbergs „Cosmopolis“, sind die Kritiker schon fleißig dabei, die Chancen der einzelnen Filme gegeneinander abzuwägen. Hanekes „Amour“ steht hoch im Kurs, auch Mungius „Beyond the Hills“ rangiert im Wertungsspiegel ganz oben; Leos Carax’ „Holy Motors“ werden Außenseiterchancen eingeräumt, und am Ende könnte sogar Alain Resnais’ „You ain’t see nohting yet!“ die Nase vor haben.
Keine Chance hat hingegen Sergei Loznitsas „In the Fog“. Gleichwohl ist der Film eine beeindruckende Fabel, die an Hand von drei russischen Partisanen grundlegende Handlungsoptionen in mitten einer feindlichen Welt durchspielt – mit ernüchterndem Resultat. In stillen, kontemplativen CinemaScope-Bildern entfaltet Loznitsa das Dilemma einer aufrechten Moralisten, der auch dann nicht mit den deutschen Besatzern kooperieren will, als sein Leben auf dem Spiel steht.
Statt ihn aufzuhängen, schicken ihn die Deutschen nach Hause, wohl wissend, dass die Seinen ihn fortan als Verräter betrachten. Der beseitigt werden muss – was die Wehrmacht ihrerseits als Falle nützen will. Der Anführer der beiden Häscher, ein idealistisch gesinnter, tatkräftiger Mann, wird im Handgemenge schwer verletzt und erliegt seinen Verletzungen; der andere, ein Opportunist, der seine Haut retten will, kommt auch nicht mit dem Leben davon.
Was aber bleibt dem armen Tor, der nicht einmal die Leichname den Krähen zum Fraß überlassen kann, sondern sie zum nächsten Partisanen-Lager schleppen will?
„In the Fog“ ist provozierend langsam inszeniert, mit einfachen, in ihrer Essenz aber schwermütigen Dialogen, eine existentialische Fabel in Tolstojscher Tradition, die sich angesichts vieler amerikanischer, aber auch europäischer Genrefilme wie von einem anderen Stern ausnimmt.
In ein moralisches Dilemma gerät auch Juliette in Catherine Corsinis „Trois Mondes“, die in der Pariser Innenstadt einen Unfall beobachtet. Ein Mann wird von einem Auto überfahren, dessen Fahrer flüchtet. Die schwangere Medizinstudentin (magisch: Clotilde Hesme) ruft den Notarzt, findet die Identität des Opfers heraus und kommt auch dem Täter auf die Spur. Doch dann verliebt sie sich in den Mann, der kurz davor steht, die Tochter seines Chefs zu heiraten. Mehr noch: Die Angehörigen des Opfers, Flüchtlinge aus Moldawien, sinnen auf Rache.
Ein übersichtlicher Plot, etwa weitschweifig und mit zu vielen Nebenfiguren ins Szene gesetzt, im Kern aber auf die inneren Widersprüche von Juliette konzentriert, die sich mit jedem Schritt tiefer ins Verhängnis verstrickt.
Eine „amour fou“ ganz anderer Art quält den Bruder des Titelhelden in „The Payerboy“ von Lee Daniels („Precious“), der Ende der 1960-Jahre in Florida spielt: er kann seine Augen nicht von einer 41-jährigen White-Trash-Lady (Nicole Kidman) lassen, die sich darauf versteift hat, einen unter sehr zweifelhaften Umständen zum Tode verurteilten Häftling (John Cusack) vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Seine (Wunsch-)Fantasien kollidieren jedoch nicht nur mit den Alltagsdingen, sondern insbesondere mit den unterschiedlichen Fantasmen der zahlreichen anderen Figuren. Die Inszenierung betont die Brüche, inszenatorisch wie dramaturgisch, und unterläuft überdies die historische Situierung der Geschichte durch drastische Szene und einen süffisanten Humor.



Hatten Sie auch die Möglichkeit die restaurierte und mit zusätzlichen Szenen bespickte Fassung von “Es war einmal in Amerika” zu sehen? Ein kleiner Kommentar hierüber wäre schön.
Ansonsten immer wieder schön zu lesende Kommentare.