Der Film „Jagten“ („The Hunt“) des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg hat bei dem 65. Filmfestival in Cannes (16.-27.5.) den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Der Film handelt von einem engagierten Erzieher, der zu Unrecht beschuldigt wird, Kinder sexuell missbraucht zu haben. Doch niemand zweifelt an den Anschuldigungen. Ehe sich der Mann versieht, ist er ohne Job, wird geschlagen, gedemütigt, von seinen Freunden gemieden und zunehmend gewaltsam aus allen sozialen Netzen gedrängt.
Die Jury lobte vor allem die Klarheit und Kraft der Inszenierung. Der Film eröffne neue, überraschende Perspektiven auf die moderne Gesellschaft, insbesondere auf der Verhältnis von Eltern und Kindern. Auch bei den Filmkritikern kam „Jagten“ gut an, vor allem wegen der darstellerischer Leistung des Hauptdarstellers Mads Mikkelsen, in dessen wachsender Verunsicherung sich eine sensible, verletzbare Männlichkeit spiegle.
Die sechsköpfige Jury, die in diesem Jahr von dem Schweizer Theologen und Filmpublizisten Charles Martig geleitet wurde, zeichnet seit 1974 einen Film aus dem Programm des aus, der sich in besonderer Weise christlich-spirituellen Dimensionen der menschlichen Existenz widmet. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderen die Regisseure Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Michael Haneke.
Der Film spielt in einem kleinen Städtchen in Dänemark. Hier kennen sich viele von Kindesbeinen an. Lucas (Mads Mikkelsen), eine Seele von Mensch, ist Lehrer von Beruf, arbeitet jetzt aber im Kindergarten. Hingebungsvoll, mit viel Herz und Verständnis. Bis ein kleines Mädchen aufgeschnappte Sätze nachplappert, die von den Erwachsenen als sexueller Missbrauch gedeutet werden.
Ehe sich der stille Mann versieht, bricht ein Sturm über ihn herein, der seine ganze bisherige Existenz unter sich begräbt. Ohne auch nur einmal angehört zu werden, verliert er seinen Job, wird gedemütigt, geschlagen und ausgestoßen; seine Freunde wenden sich brüsk von ihm ab, die Ex-Frau verbietet den Kontakt zu seinem Sohn. An Weihnachten sitzt er schwer misshandelt und mit zerschlagenem Gesicht in seinem Haus. Doch dann rafft er sich auf und humpelt zur Christmette.
Der Film steht konträr zur öffentlichen Debatte über Kindsmissbrauch und Pädophilie. Die Fabel vom zu Unrecht Beschuldigten, mit großer emotionaler Beglaubigung inszeniert und in der Hauptrolle von Mads Mikkelsen mit wachsender Verunsicherung gespielt, lässt über die Abgründe schaudern, die sich in einer alarmierten Gesellschaft auftun können. Die knappe, trotzige Andeutung einer Vierjährigen genügt, um einen beängstigenden Mechanismus in Gang zu setzen.
Die Kindergärtnerin schiebt ihre Verunsicherung mit dem Verweis beiseite, dass Kindermund Wahrheit kund tut, ihr Vorgesetzter verschanzt sich hinter dem formalisierten Verfahren, die Eltern der anderen Kinder erliegen der um sich greifenden Hysterie, Gerüchte, Unterstellungen und die Dynamik öffentlicher Vorverurteilung bauschen sich in Windeseile zu einem Sturm auf, der immer gewaltsamere Kreise zieht.
„Jagten“ ist das Gegenstück zu Vinterbergs „Das Fest“ (1998), in dem ein Sohn bei einer Familienfeier den Vater des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das innovative Drama, mit dem die dänische „Dogma ‘95“-Philosophie ihren Siegeszug begann, orchestrierte damals eine wachsende Sensibilität der bürgerlichen Gesellschaft für das Thema des sexuellen Missbrauchs.
Der neuen Film „Jagten“, auch inszenatorisch fast ein Gegenentwurf zur harschen Handkamera-Ästhetik, wechselt nun die Seiten. Bar jeder Ambivalenz, lässt er an Lucas’ Unschuld nie den leisesten Zweifel aufkommen. Er stellt vielmehr einen sensiblen Mann in den Mittelpunkt, der sich mit hartnäckiger Geduld darum bemüht, mehr Zeit mit seinem pubertierenden Sohn verbringen zu dürfen. Lucas ist eine Vater wie aus dem Erziehungsratgeber, ein aufmerksamer, zugänglicher Freund, verlässlich, berührbar und dennoch kein Weichei.
In seiner Figur manifestiert sich eine „neue“, sensiblere Männlichkeit, die im merklichen Kontrast zu seinen rüden Kumpanen steht, mit denen er zu Beginn und am Endes des Films auf der Jagd durch die Wälder streift. Schon rein äußerlich unterscheidet sich Lucas von den bullig-polternden Gestalten, die sich ihren testosterongetriebenen Ritualen ergeben und im Konfliktfall schnell mit den Fäusten reagieren.
Lucas dagegen scheint sich anfangs gar nicht verteidigen zu können, so fassungslos erlebt er seinen sozialen Ausschluss. Es dauert lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem er sich zur Wehr setzt. Als er beim weihnachtlichen Einkauf keine Lebensmittel erhält und vom Fleischer auch noch brutal zusammengeschlagen wird, macht er kehrt und bietet die Stirn.


