Cannes (13): Lauter Kompromisse

Eine Goldene Palme für „Amour“! Das ist die gute Nachricht. Alle anderen Entscheidungen der Internationalen Jury unter Vorsitz von Nanni Moretti geben weniger Anlass zum Jubeln. Sie zeugen von lauter Kompromissen, spiegeln in ihrer Mittelmäßigkeit aber ganz gut den diesjährigen Festivaljahrgang.

Der Regiepreis für Reygadas? Eine schöne Geste, die den mexikanischen Regisseur bestärken soll. „Post Tenebras Lux“ war nach „Holy Motors“ der eigenwilligste Film, aber eben erst nach dem von Leos Carax. Der französische Filmemacher muss als der große Verlierer von Cannes 2012 betrachtet werden, was ein Skandal ist. Zusammen mit dem lächerlichen Jurypreis für Ken Loachs „The Angel’s Share“ (den könnte man Loach eigentlich im Abo verleihen) macht dies die durchgängige Blockade der Jury deutlich, die zu keiner klaren Entscheidung fand.

Ein Skandal sind auch die Darstellerpreise. An Emanuelle Riva und Jean-Louise Trintignant aus „Amour“ hätte keine Weg vorbei führen dürfen; allerdings wäre Haneke dann leer ausgegangen, da das Palmen-Reglement hier einen Riegel vorschiebt; deshalb hatten viele Kritiker auf Alain Resnais gesetzt, auch weil damit ein Lebenswerk geehrt worden wäre.

Doch die Jury konnte sich augenscheinlich nicht auf radikale Filme verständigen (was das Übergehen von Carax verständlich macht), weshalb dann Mads Mikkelsen und beiden rumänischen Darstellerinnen nach vorne rückten. Das ist durchaus durch die Leistungen der Schauspieler gedeckt, greift aber auf die zweit- oder drittbeste Möglichkeit zurück, da eigentlich auch Denis Lavant für seine spektakuläre Tour de Force in „Holy Motors“ als Kandidat gehandelt wurde.

Was bleibt also vom 65. Festival du Cannes? Viele sehenswerte Filme, die in den nächsten Monaten (und Jahren) hoffentlich den Weg ins Kino finden – und der Blick nach vorne, aufs nächste, dann 66. Festival. Vielleicht schenkt Thierry Fremaux bis dahin ja den Klagen viele Beobachter einmal Gehör, die sich mehr Wagemut wünschen: bei der Filmauswahl, aber vielleicht auch in der Zusammenstellung der Jury.

Thierry Fremaux (l.), Gillles Jacob

1 Kommentar zu „Cannes (13): Lauter Kompromisse“

  1. myko sagt:

    danke für die berichterstattung, ich habe sie wie jedes jahr mit genuss gelesen!

Kommentieren