Archiv für die Kategorie „Gent“

Gent: Der krönende Abschluss

Montag, 25. Oktober 2010

Wegen der Jubiläumsfeierlichkeiten und des großen Andrangs musste man vom liebgewonnenen, intimen “De Bijloke Konzertsaal” für die 10.  Gala des World Soundtrack Award in eine Multifunktionshalle umziehen, die 5000 Besuchern Platz gibt. Leider, muss man sagen, denn weder Atmosphäre, Auslastung noch Akustik entsprachen dem hohen Standard der Akteure und der vorgetragenen Kompositionen. Die komplexe Rhythmik der Werke eines Frédéric Devreese, der volle Orchesterklang eines „Shakespeare in Love“ von Stephen Warbeck oder des sphärischen „Oceans“ von Bruno Coulais gerieten angesichts des akustischen Halls und der elektronischen Verstärkung zur undefinierbaren Musiksuppe. Besser klangen das ohnehin mit jazzigem Drive und viel Bläser-Power versehene “James Bond”-Medley von John Barry oder die eher kammermusikalischen Einsätze von Gustavo Santaolalla („Brokeback Mountain“, „Motorcycle Diarys“) mit Gitarre, von Gabriel Yared („Der talentierte Mr. Ripley“) mit Gesang und von Angelo Badalamenti („Twin Peaks“) am Klavier.

Zehn Jahre – zehn Komponisten! Ein höchst eigenwilliges Konzert und eine ungeheure Organisationsleistung. Außer Alberto Iglesias, dessen eigens für Gent arrangierte „Volver“-Suite ohne den Komponisten zu Gehör gebracht wurde, waren alle Maestros anwesend und bekundeten in Dankesreden unisono die immense Wichtigkeit des Festivals für die Reputation der gesamten Branche. Neben ihnen komplettierten Elliot Goldenthal („Titus“), Craig Armstrong („Der stille Amerikaner), Nico Muhly („Der Vorleser“) sowie Howard Shore mit einer Auswahl der „Gefährten“-Musiken aus der „Herr der Ringe“-Trilogie das Feld. Zwei Stunden fesselnde Musik, die die komplette Bandbreite filmmusikalischer Vielfalt für den Zuschauer im Konzertsaal offenbarte.

Filmkomponist des Jahres: Alexandre Desplat

Darüber geriet die Verleihung der 10. World Soundtrack Awards fast ein wenig zur Nebensache. Das mochte auch daran liegen, dass es kaum Überraschungen gab, und wenn, dann höchstens ernüchternde. Dass Abel Korzeniowski für seinen überragenden Filmscore zu „A Single Man“ als Entdeckung des Jahres geehrt wurde, war abzusehen; sehr respektabel auch, dass in einem Jahr, in dem Danny Elfman, Hans Zimmer oder Alexandre Desplat gleich mehrer Blockbuster vertont haben, ein kleiner Film wie „A Single Man“ mit seiner auf Elektrobombast komplett verzichtenden Musik auch den Publikumspreis gewann. Ein wenig einfallslos mutet allerdings die Entscheidung an, den bereits im letzten Jahr zweifach geehrten Alexandre Desplat mit dem Preis für die beste Filmmusik („Der fantastische Mr. Fox“) und außerdem als Besten Filmkomponisten 2010 auszuzeichnen. Da haben die mitnominierten Hans Zimmer („Sherlock Holmes“), John Powell („Drachenzähmen leicht gemacht“) oder Carter Burwell („Wo die wilden Kerle wohnen“) in den letzten Monaten allesamt Besseres geleistet. Sei es drum. Im nächsten Jahr ist der WSA in seiner elften Runde wieder vom Jubiläumsdruck befreit und findet in hoffentlich gewohnt überschwänglicher Stimmung und besseren Konzerthäusern statt. So gehört es sich für das wichtigste Filmmusik-Event nach den “Oscars”!

Die Preise: (weiterlesen…)

Gent: Eine Verbeugung vor John Barry

Freitag, 22. Oktober 2010

Konzerte, in denen die Filmmusik das Herz des Programms ist, sind leider immer noch eine Seltenheit. Man muss schon ins belgische Gent pilgern, um ein kleines Festival jener Musiken miterleben zu können, die sonst nur in der heimischen Musikanlage oder im Dunkel des Kinos ihre emotionale Wirkung entfalten.

Die 10. World Soundtrack Awards standen ganz im Zeichen des Ehren- und Lebenswerkpreisträgers John Barry. Am 3. November wird der Engländer, der bis in die 1990er -Jahr hinein seinen Ruf als einer der bedeutendsten Filmmusikkomponisten überhaupt erarbeitet hat, 77 Jahre alt. Sein gesundheitlicher Zustand erlaubt es ihm leider nicht, persönlich nach Gent zu kommen, sodass der Ehrenpreis von seinem britischen Landsmann David Arnold entgegengenommen wurde. Was nicht  ganz von ungefähr kam, führt  Arnold doch die filmmusikalische Tradition Barrys weiter; er “vertonte” zuletzt den James Bond-Film „Ein Quantum Trost“ (2008).

Außer den Darstellern des legendären “007″-Agenten ist keiner so eng mit dem Bond-Mythos verbunden wie John Barry. Seine Musiken von „Dr No.“ und „Goldfinger“ über „Moonraker“ bis hin zu „Octopussy“ bestimmten denn auch den Konzertabend. Besonders die vom Dirigenten des Abends, dem Barry-Vertrauten Nicolas Dodd, persönlich arrangierte James-Bond-Suite war mit ihrer fesselnden Dramaturgie eindeutig der Höhepunkt des Abends. Die „Der Mit dem Wolf tanzt“-Suite, von den Brüssler Philharmoniker kurz vor der Pause des zweistündigen Konzerts zu Gehör brachten, zerfielen dagegen fast in lauter kleine Segmente. Doch die 1990 mit dem “Oscar” ausgezeichnete Musik hatte genügend Kraft, um die gut 3500 Zuschauer zu rühren. Mit „Jenseits von Afrika“ (1985) und „Frei geboren“ (1966) gab es in dem recht getragenen und durch elegische Musik bestimmten Konzert noch zwei andere “Oscar”-Musiken von Barry, der Hollywoods ungekrönter König der Gänsehaut-Musik ist. Gute Besserung, Mister Barry, und einen noch langen Genuss des inzwischen zehn Jahre währenden filmmusikalischen Ruhestandes!

Filmfestival Gent

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Beim renommierten “Gent International Film Festival” (12.-23.10.) ist der deutsche Film traditionell immer prominent vertreten. Ob Andreas Dresen, Dennis Gansel oder Fatih Akin: Sie alle waren hier und sehr erfolgreich. In diesem Jahr gab es im Wettbewerb gleich zwei deutsche Beiträge. Beide kamen für die Juryentscheidung unter Vorsitz des deutschen Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase in die engere Wahl; am Ende musste „Shahada“ „Die Fremde“ an sich vorbeiziehen lassen. Beide Filme beschäftigen sich interessanterweise mit einem Thema, das aktuell die Diskussionen in Deutschland bestimmt. In „Shahada“ porträtiert der deutsch-afghanisch Debütant Burhan Qurbani den aufreibenden Alltag dreier junger Muslime in Berlin;  „Die Fremde“ von Feo Aladag thematisiert den schroffen Selbstbehauptungsprozess junger Einwanderer zwischen den „konkurrierenden“ Kulturen Deutschlands und der Türkei. Das letztendlich „Die Fremde“ den Preis für den besten Film gewann, mag vielleicht auch daran liegen, dass in Gent nicht nur brisante Inhalte, sondern auch die technische Umsetzung eine große Rolle spielt; vor allem die Filmmusik wird hier besonders hervorgehoben, und da hat „Die Fremde“ Außerordentliches von Max Richter und Stéphane Moucha zu bieten.

Während das Festival dem Ende zusteuert, eilt der filmmusikalische Teil in Gent in den Konzertsälen von einem Höhepunkt zum anderen. Den Auftakt bildete ein Singer/Songwriter-Konzert des US-amerikanischen Schauspielers Tim Robbins. Heute erhält der Filmmusik-Titan John Barry („Der mit dem Wolf tanzt“) ein Tribute-Konzert mit seinen berühmtesten Arbeiten. Und am Samstag werden die World Soundtrack Awards mit einem Konzert verliehen, bei dem zehn Komponisten zu hören sind, die die aktuelle Filmmusik. Das wird man hören!